21.01.2011 -61-

„Wir müssen hier raus.“ Endlich einmal eine gute Idee von diesem Honig. Lange hielt ich das hier nicht mehr aus. „Sprich nicht so laut“, sprach Lydia lauter als es Honig getan hatte. Der kläffte ein „Leck mich“ und dürfte es zum ersten Mal in seinem Leben nicht sexuell gemeint haben.

Lydia Gebhardt hatte einen Entschluss gefasst. Sie stand auf, raffte ihr Kostüm in Form, zog die Heels aus, stopfte sie in die Handtasche. „Ganz vorsichtig runter in die Halle“, gab sie Anweisung, „Hinterausgang“. Sie ging auf Zehenspitzen voran, auch Honig zog seine Schuhe aus und folgte ihr, der Mann hatte das Zeug zur Primaballerina.

Ich hörte sie die Treppe hinabsteigen und entknäulte mich vorsichtig. An mir waren Muskeln und Bänder und Sehnen, Gelenke und der übliche Zierrat, und alles meldete sich streberschülerhaft und schrie „hier!“. Ich bewegte mich in Zeitlupe, streckte was sich strecken ließ, zündete mir eine Zigarette an und verpaffte sie ohne Rücksicht auf Entdeckung. Unten in der Halle rächte es sich, dass man die Hintertür seit Jahren nicht geölt hatte. Stimmen. Sie wurden lauter, ich erkannte Lydias hysterischen Sopran und Honigs exaltiertes Falsett, dazu etwas Tiefes wie ein immer hektisch murmelnder Bach. Geräusche eines Handgemenges, Schreie. Dumpfe Töne, eine splitternde Glasscheibe, Schritte, die sich entfernten. Wieder Stille. Ich überlegte, was zu tun sei. Das war so, als wolltest du auf ein Pferd wetten, aber du hast keine Ahnung von Pferderennen. Wer würde gewinnen? Was würden die Gewinner tun? Abhauen, hoch in die Büros kommen? Und was wäre mit den Verlierern? Ganz klar allerdings, dass ich zu den Verlierern zählen würde.

Autotüren wurden zugeschlagen, ein Motor heulte auf, es war wie vor Lothars Wohnung, nur gab es hier keine Schneewehe, in die ich hätte meinen Kopf stecken können. Geh einfach zur Vordertür hinaus, wünsch den Herrschaften, wem auch immer, einen schönen Abend und empfiehl dich. Oder warte, bis das zweite Auto wegfährt und das dritte hinterher. Also wieder warten.

Das zweite Auto fuhr weg. Ich trieb etwas Gymnastik, brachte meinen Körper aber nicht mehr dazu, der eines Zwanzigjährigen zu sein. Er war zu alt und erfahren, um auf meine Tricks noch hereinzufallen. Sollte ich hier ewig ausharren? Nein! Rasch ein Herz gefasst und elefanten runter ins Lager, das war die angemessene Form des Pfeifens im Walde. Die Leichen würden aufspringen und Fersengeld geben, die Mörder vor lauter Schiss schlottern und zu Leichen werden und aufspringen und weg. So etwa. Ganz anders. Ich fand weder die einen noch die anderen, nur die Splitter einer Glasscheibe, eine halboffene Tür und – ich leuchtete penibel die Ränder ab – eine harmlos aussehende Blutlache, wie sie der kräftige Hieb auf eine Nase – hoffentlich die Honigs – verursacht.

Ich ging um das Gebäude und betrachtete mir den dritten Wagen, ein auffälliges Allradfahrzeug. Nicht abgeschlossen. Im Handschuhfach lagen die auf Lydia Gebhardt ausgestellten Wagenpapiere, die Dame war wie erwartet älter als sie aussah, das heißt jünger als vom Schönheitschirurgen versprochen. Ich fand auch eine angebrochene Packung Kondome mit Waldmeistergeschmack und würde Honig fortan den Forstgehilfen nennen.

Zurück. Lüdemanns Auto abstellen, den Schlüssel in den Briefkasten, ein erholsames Stück Fußweg durch bittere Kälte und sternenklare Nacht. Heim zu meiner geschändeten Wohnung, in deren Küche Licht brannte. Von wegen „wird er gar nicht merken“. Schon passiert. Auch die Wohnungstür war nur angelehnt. Eine Stimme in mir flüsterte „Obacht!“

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Eine Antwort zu 21.01.2011 -61-

  1. Anja Helmers schreibt:

    Anscheinend meinst du das ernst, mit deiner Drohung. Tssss…

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