20.01.2011 -60-

Eine Zeitlang war es sehr still in den Büroräumen von Gebhardt und Lonig, Im- und Export. Wobei eine Steigerung von „still“ komplettes Dummdeutsch ist, doch sollten meine detektivischen Abenteuer jemals in Buchform erscheinen, wird es sich um Trivialliteratur handeln und etwaiger sprachlicher Dünnpfiff eh keinen Menschen interessieren.

So dachte ich vor mich hin, denn es geschah ja sonst nichts. Ich hoffte, auch Lydia Gebhardt und ihr männliches Lustobjekt würden es sich unter dem Schreibtisch unbequem machen, ein Szenario von erheblichem Humorpotential, beinahe dadaistisch oder so was. Den Gefallen taten sie mir nicht. Lydia saß unbeweglich, Honig stand unbeweglich, ich krümmte mich unbeweglich, und wir warteten auf den oder die unbekannten Gäste, deren Wagen vor nun mehr als fünf Minuten vor dem Haus abgestellt worden war.

Honig flüsterte der Gebhardt leise etwas zu, so leise, dass ich es nicht verstand, Lydia sehr wohl, sie zischte es auch sehr leise aus wie die letzte Kerze auf der allerletzten Geburtstagstorte. Weitere fünf Minuten vergingen. Ich wusste endlich, was Stillstand bedeutet, richtig fieser Sehrstillstand, vollständige physische Unbeweglichkeit bei gleichzeitiger psychischer Polonäise, wenn ein abstruser Gedanke seinen Vordermann an der Schulter fasst und der ganze aufgepushte Zug durch die Dorfgaststätte des Kleinhirns schwoft.

Toll, dachte ich, du bist ein Genie. So machen sie’s gerade in der Klimapolitik, in der Rentenpolitik, in der Bildungspolitik, in der Ausländerpolitik, überhaupt in der Politik, die einen sitzen und tun nichts, die anderen stehen und tun nichts, wieder andere kriegen gleich Krämpfe in den Extremitäten, müssen dringend aufs Klo und eine rauchen, aber sie tun auch nichts.

Das Dumme: Auch das, worauf wir warteten, tat nichts. Der Klimawandel kam nicht, sozusagen, aber er war irgendwo da draußen. Stimmt ebenfalls, sagte ich mir, wenn das hier so weitergeht, erklärst du die Scheiße der Welt bis in die kleinsten Partikel, und dann tut sich doch was und du überlebst es nicht. Das war der Moment, in dem ich Angst bekam und zu denken aufhörte.

Honig wurde unruhig. Er trat von einem Bein aufs andere, als befinde er sich auf einer Wanderung durchs Fichtelgebirge. Lydia Gebhardt zischte ihm ein Wort zu, das wie „Dummbeutel“ klang, aber wahrscheinlich hatte sie nur „pssst“ gemacht. Honig marschierte weiter.

Wenn es wenigstens klingeln würde. Oder die massive Eingangstür splittern, was aber von Stahl kaum zu erwarten war, wie ich mich erinnerte. Oder der Motor des Wagens starten würde, das Geräusch sich entfernen, nichts weiter als ein Liebespärchen beim klandestinen Akt und jetzt geht’s heimwärts, er lenkt und sie rubbelt die Flecken aus dem Polster. Nichts von alledem. Wir warteten jetzt eine gute Viertelstunde, will sagen eine schlechte Viertelstunde, es ging auf Mitternacht zu, was die Sache nicht erträglicher machte. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis ich vor Schmerzen aufschreien oder husten würde, dann wäre alles vorbei, aber es wäre wenigstens vorbei. Honig sah es ähnlich, er wurde immer unruhiger, und auch Lydia Gebhardt bewegte ihren Oberkörper immer schneller vor und zurück. Es tat sich also etwas. Wenn auch nicht das, was sich tun musste.

 

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5 Antworten zu 20.01.2011 -60-

  1. Bio schreibt:

    Bist ja heute bissig wie unser Möppi 😀

  2. Anja Helmers schreibt:

    Gestern ein Cliffhanger, heute wieder ein Cliffhanger nur ein paar Zentimeter weiter…
    Willst du deine Leser an den Text fesseln?

    Immerhin hab ich ein neues Wort gelernt, also das ist doch schon was. 😉

  3. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Bald werdet ihr noch ne Weile länger am Cliff abhängen müssen, liebe Anja. Hier bekommt man eben, was KrimileserInnen wünschen. Ihr werdet den Rechner nicht eher aus der Hand legen können, bis ihr endlich wisst, wer was war und warum und wieso und weshalb vielleicht doch nicht. Versprochen.

    • Anja Helmers schreibt:

      OMG, dann knackt mir der Arm ab.
      Mein Rechner ist schwer.
      Vielleicht doch ein Ipad?

      (Ich kann auch product-placement betreiben)

  4. Anja Helmers schreibt:

    Nachtrag:
    Gestern ist mir das altmodische Wort ‚klandestin‘ doch tatsächlich gleich dreimal übern Weg gelaufen.
    Wiesu denn bluß? (frei nach Ronja Räubertochter)

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