17.01.2011 -57-

Rein. Ich hatte die Taschenlampe dabei und schickte einen schmalen sondierenden Strahl die Treppe hoch. Betonstufen, die nicht hölzern ächzen würden wie in landläufigen Kriminalfilmen üblich, und ich hoffte, auch die sonstige dramatische Ausstattung telegener Schocker bliebe mir erspart. Keine Dolche aus dem Dunkeln, keine Leichen im Lift, keine Skelette im Schrank, kein Verprügeltwerden im Vertigo, und hieße ich Richard Wagner, wären mir zauderndem Zwerg noch weitere muntere Stabreime eingefallen.

Lüdemanns Lieferwagen, der sehr unauffällig und mit Adressangabe für „Beschriftungen aller Art“ warb, parkte diskret vor der benachbarten „Oliver’s Tattoowerkstatt“. Hier sollte, einem Gerücht zufolge, unser Bundespräsident übermorgen seine große Weihnachtsansprache coram publico aufzeichnen und seine Frau sich bei der Gelegenheit ein Arschgeweih mit integriertem Bundesadler stechen lassen. Meinetwegen. Jetzt war alles menschenleer im Industriegebiet, was natürlich Blödsinn ist, denn ich bin ein Mensch und ich war da. Einige wirre Gedanken hatten sich während meiner Anreise (ich bin ein miserabler Wagenlenker, bei „Ben Hur“ wäre ich schon in der Qualifikation ausgeschieden) in meinem Kopf zu einem unverbindlichen Disput getroffen und waren dann ergebnislos auseinander gegangen. Eines indes war sonnenklar: Die Plüschhasengeschichte konnte nicht das Werk von Profis sein, zu sehr war hier gepfuscht worden. War die Verpackung des merkwürdig sprechenden Hasen schon markiert, dann doch auch die ganze Kiste. Hatte Honig das kontrolliert? Hatte er nicht. Was nun bedeutete: Entweder hatte er keine Ahnung von der Besonderheit dieses Hasen oder – ja was eigentlich?

Der Flur, die Türen, keine von ihnen abgeschlossen, das beruhigte mich sehr. Ich betrat das Büro Honigs, auf dem Schreibtisch jenes geniale Chaos, das meistens nichts weiter ist als Schlamperei. Die Lieferlisten lagen oben auf, als hätte mir Honig die Sucherei erleichtern wollen. Ich studierte sie, die Hasen waren in die ganze Welt verschickt worden, nach Katar und Kolumbien, Spanien und Schweden, Frankreich und, nein nicht auf die Faröer-Inseln, aber immerhin Finnland. In den Schubladen fand sich neben Drops und Kondomen, einem schmucken „Krimikalender“ und verstreutem Münzgeld nichts von Belang. Wonach suchte ich überhaupt? Ich war ein Anhänger des buddhistischen Grundsatzes, dass man überhaupt nicht suchen solle, einfach nur gucken und dann findet man was oder man findet nichts. Ich fand nichts.

Das Büro der Geschäftsführerin Frau Gebhardt – sie trug den Vornamen Lydia, was ich immer schon sehr erotisch gefunden habe – war das genaue Gegenteil des Honigschen. Aufgeräumt, als habe hier noch nie ein Mensch gearbeitet, ja, noch nie einen Fuß hinein gesetzt, was mich zum Pionier machte. Die Rollschränke an der Wand waren leer, auf dem Schreibtisch stand sich eine Lampe den Jugendstilfuß in den Bauch, die Schubläden gähnten mich, aus tiefem Schlaf erwacht, leer an. Ich begann an der Existenz von Lydia Gebhardt zu zweifeln.

Noch einmal zu Georg Webers einstiger Wirkungsstätte, obwohl mir klar war, dass dort keine Spur des Vermissten zu finden sein würde. Ich nahm auf gut Glück einige Ordner heraus, blätterte sie durch, nichts als Lieferscheine, Rechnungen, Mahnungen. Zurück zu Honig und hinein in seine Aktenhölle. Tatsächlich, ganz unten, von einer schwärzlichen Bananenschale gebrandmarkt, fand sich eine weitere Lieferliste, erneut 1200 Plüschosterhasen, die nach Weihnachten per Schiffsfracht in Bremerhaven anlanden sollten. Die Adressaten waren mit denen der vorigen Charge identisch, und das wunderte mich etwas. Waren Plüschosterhasen tatsächlich das must have der Saison? Ich kannte die Menschheit gut genug, um es nicht ganz auszuschließen.

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