15.01.2011 -55-

An Jakob’s Imbissstand, wo man Deppenapostroph und Triple-s inbrünstig pflegte, kämpften zwei Rostwürste und eine Tüte erschlaffter Pommes Frites verzweifelt und aussichtslos gegen meinen Hunger. Eine weitere Volks- und Binsenweisheit fiel mir ein: „Wenn du nicht denken kannst, handele“, und ich beschloss zu handeln.

Heute Abend im Industriegebiet, Gebhardt und Lonig, ein Auto musste her zur etwaigen beschleunigten Flucht. Bei Borsig anrufen, hatte ich ganz vergessen. Jakob lieh mir sein Handy, nachdem ich ihm eine dritte, wohl zu Ehren des schwarzen Kontinents geröstete Wurst abgekauft hatte, ich wählte 040404, doch Borsig meldete sich nicht und ich machte mir Sorgen.

„Wenn du noch eine vierte Wurst isst, kriegste die fünfte umsonst“, lockte Jakob mit allen Mitteln moderner Werbepsychologie, „und weil Weihnachten ist, gibt’s ein FERRERO KÜSSCHEN obendrauf“. Ich überlegte mir das Angebot und lehnte es ab. „Du fickst gerade die Binnennachfrage“, klagte Jakob an, „ich ficke alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist“, erweiterte ich kühn.

Lüdemanns Lieferwagen stand demonstrativ auf dem einzigen Kundenparkplatz vor dem Laden und war, was nicht verwunderte, mit „Beschriftungen aller Art“ beschriftet. Ich trat ein. Eigentlich hatte ich vorgehabt, ihn mit einem bühnenreifen Auftritt zur Herausgabe seines Fahrzeugs zu nötigen, doch Lüdemann rumorte im Hinterzimmer, während sein Lehrmädchen eine Kundin bediente. Die drehte sich zu mir um, lächelte und rollte viele schöne R’s: „So sieht man sich noch einmal“. Ich fixierte Oxana, die heute einen sehr schicken weißen Faltenrock, dessen Saum die Knie umspielte, trug, dazu schwarze Lederstiefel und einen blauen Anorak, machte „rrrrr“ und dann in einem vollständigen deutschen Satz: „Was machen Sie denn hier?“

Sie hielt mir ein Messingschild zum Lesen hoch: „Ich erschieße alle Hunde ohne Vorwarnung, die gegen meine Hauswand pinkeln und ihre Besitzer gleich mit.“ „Das hängt er auf, weil er den Pinscher der Nachbarin hasst“, erklärte Oxana, „ein verrückter Dichter eben.“

Ich bat sie, noch einmal „verrückter Dichter“ zu sagen, sie versetzte mir einen Klaps auf den Bizeps und wiederholte artig. „Bis bald“, wollte sie sich verabschieden, ich bestand aber auf „au revoir“.

Bevor sich das Lehrmädchen nach meinen Wünschen erkundigen konnte, rumpelte Lüdemann aus dem Hinterzimmer und erschrak. Wies seine Helferin an, mal „die Visitenkarten rüber zum Metzger“ zu bringen, legte sein Gesicht in heiter-fidele Fältchen und sagte „Na, altes Haus“, was ich überhaupt nicht mag. „Wusstest du, dass auch Scherzkekse krümeln, wenn man ihnen voll auf den Teig haut?“ Lüdemann wusste es nicht und lächelte gequält. „Du bist doch sonst nicht so nachtragend. Bleib locker.“ Es klang nicht so, als sei er selbst gerade besonders locker. Ich dachte nach. Oxana bei Lüdemann. Zufall? Wahrscheinlich. Und wenn nicht? Hatte mich das Detektivspielen schon so verdorben, dass ich hinter jeder Alltäglichkeit eine Intrige vermutete? Anzunehmen.

„Pass auf“, sagte ich, „ich bräuchte heute Abend deinen Wagen. Park ihn die Querstraße weiter vor dem Obstladen, wirf die Schlüssel in meinen Briefkasten, morgen früh findest du sie in deinem Briefkasten wieder und das Auto vor der Ladentür. Ok?“

„Aber das…“ Ich winkte ab. „Sonst erfährt deine Frau das mit dem Lehrmädchen und dir. Ich kann auch ein fürchterlicher Scherzkeks sein.“

Lüdemann erbleichte. Meine ins Blaue gesprochene Drohung hatte ins Schwarze getroffen. Er bestätigte unsere Übereinkunft mit einem von Herzen kommenden „Arschloch“.

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