14.01.2011 -54-

Der Mensch, dieses eigentlich so komplexe Lebewesen, ist in manchen Dingen erschreckend einfach gestrickt. Dann lautet sein Wahlspruch „Was du nicht willst das man dir tu, das füg halt flink nem andern zu“. Und da ich partout nicht verfolgt werden wollte, beschloss ich spontan, Sonja Weber zu verfolgen, sobald sie das Café Böhringer verlassen hätte.

Glaubte ich, das Verfolgen hebe das Verfolgtwerden wie in einer simplen mathematischen Gleichung auf? Mitnichten. Aber die Ausführungen meiner Klientin hatten mich nicht überzeugt, im Gegenteil. Sie waren so unwahrscheinlich, dass sie wahr sein mussten und das bedeutete, sie waren genial gelogen. Das hässliche und fiese Pflänzlein Misstrauen wucherte in meinen Gedanken, ich fragte mich, was ich über Sonja Weber wusste und kam zu dem Ergebnis, ich wisse nur das über sie, was sie mir selbst erzählt hatte. Ein Besuch in ihrem Heimatort, dem unsagbar öden Großmuschelbach, würde notwendig, also setzte ich auch diesen Punkt auf meine Agenda 2010.

Sonja Weber verließ das Café Böhringer eine gute halbe Stunde nach mir. Ich drückte mich in einen Hauseingang auf der anderen Straßenseite, das sogenannte Zielobjekt glättete mit rascher und routinierter Hand ihr schwarzes Kostüm, schaute weder links noch rechts noch geradeaus und ging, so hoffte ich, auch nicht direkt nachhaus. Sondern nordete ihren eleganten Schritt zielsicher gen Innenstadt, den zahllosen Pfützen auf dem Bürgersteig und den neuen Schlaglöchern auf den Straßen ausweichend. Gestern hatten die Kommunen zerknirscht zugeben müssen, nicht genügend Streumittel eingelagert zu haben. Heute gestanden sie, wegen Finanzknappheit auch die Straßenschäden nicht beseitigen zu können. Was war nur aus Deutschland geworden, jener alten Kulturnation, in der ein Goethe, ein Schiller noch hatten spazieren gehen können, ohne gleich auf die Fresse zu rauschen, weil wieder einmal nicht gestreut worden war, wo ein Beethoven in der fahrenden Postkutsche komponierte und ihm nicht das Tintenfass um die tauben Ohren flog, weil das Gefährt durch Schlaglöcher pehste. Tja. Ein Staat war es geworden, in dem Detektive ihre Klientinnen verfolgten und selbst von gedungenen Mördern verfolgt wurden, wo man hinterrücks von Passanten mit der Beleidigung, man sei eine antineoliberale Schnecke, angerempelt und überholt wurde, einen aus Schaufenstern riesige Plakate angafften, auf denen „Jetzt 40% Reduktion auf reduzierte Ware, wenn sie nicht schon einmal im Preis reduziert wurde, nachdem sie bereits reduziert worden war“ versprachen. Schönes Deutschland. Armes Deutschland.

Vor der Auslage einer ziemlich teuren Boutique blieb Sonja Weber längere Zeit stehen und musterte die feilgebotene Ware. Ich postierte mich so, dass sie mich im Schaufensterglas nicht sehen konnte. Diverse Hosenanzüge gab es zu begutachten sowie seidene Nachtwäsche. Es handelte sich um die neueste Frühjahrskollektion, Sonja Webers Blick verfing sich in einer Kombination aus kamelfarbener Hose mit Schlag und nuanciert dunklerem Bolerojäckchen, nehmen Sie doch lieber das Nachtwäscheset „Diana“, weinrot und super erotisch, schlug ich in Gedanken vor, das ist auch preiswerter.

Sonja Weber verwarf diesen Vorschlag ungehört und schlenderte weiter. Betrat nacheinander eine Metzgerei, ein Haushaltswarengeschäft und einen türkischen Gemüseladen, passierte sehr gemächlich die Front eines Schuhgeschäfts und verharrte dort vor einem Arrangement aus schwarzlackierten Winterstiefeln, verschob die drei Plastiktüten aus ihrer rechten in die linke Hand, kurzum: Es war eine spannungsgeladene Verfolgungsjagd wie nur je in einem Kriminalroman und endete damit, dass Sonja Weber zu Haus ankam. Ich kontrollierte, ob das Trauerschild noch immer im Fenster der „Bauernschenke“ hing – tat es nicht – und trollte mich dann auch.

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