10.01.2011 -50-

Regitz sah nicht so aus, als habe er einen entspannten Abend im Kreise seiner Lieben verbracht. Sein linkes Auge war irgendwie nicht mehr vorhanden, man brauchte einen scharfen zweiten Blick, um es inmitten blutverkrusteten, geschwollenen und enthäuteten Fleisches am SOS eines flackernden Pupillenrests zu identifizieren. Dem rechten Auge war es besser ergangen. Es steckte in einem blauschwarzen Ring, wie ihn jeder betrunkene Ehemann seiner Holden ohne weiteres zu schlagen versteht.

„Meine Nase ist wenigstens nur angebrochen“, flüsterte Regitz schwer und fügte resigniert hinzu: „Hab ich wenigstens bis vor zehn Minuten geglaubt.“

Es war mir endlich gelungen, die Wohnungstür zu öffnen, Regitz stolperte an meiner Wenigkeit vorbei, geschätzte drei Zentner zerprügelten Egos, so dass ich aus lauter Menschenfreundlichkeit „Wie viele waren es?“ fragte und Regitz drei Finger hob ausstreckte, etwas zögerte und schließlich einen wieder wegknickte. „Aber solche Krawenzmänner, die siehst auf keinem Jahrmarkt.“

Ich verzichtete auf Licht in der Küche, Regitzens Augen würden es mir danken. Wir saßen uns eine Weile gegenüber, bis der geschundene König der Gelegenheitsarbeiter nach „Bier!“ verlangte, ich im Kühlschrank tatsächlich noch ein Fläschlein fand und wortlos kredenzte. Sein Inhalt verschwand mit einem einzigen schmatzenden Sauggeräusch in der Aufgewühltheit eines Magens.

„Was ist passiert?“ fragte ich, weil es die Frage war, auf die Regitz gewartet zu haben schien. Er berichtete mit schwerer Zunge, aber flüssig, zwei Männer wie gesagt, Dirk Nowitzki muss ein Zwerg dagegen gewesen sein und die beiden Klitschkos hätten locker in die Hose des weniger Korpulenten der Angreifer gepasst. „Du machst friedlich die Tür auf, weil du auf deine Schnalle wartest, den besten Freizeitanzug an“ – er trug ihn noch immer, es war inzwischen seiner schlechtester – „und zack, gleich schiebt dir der eine seine Schlaghand in die Fresse und der andere frägt ‚Wo sind die Osterhasen?'“

Die Osterhasen also. Keine fünf Schläge hatten die beiden Halunken gebraucht, um den Verbleib von 119 der Plüschmonster mit dem Wortschatz eines durchschnittlichen deutschen Schülers zu klären, „sie waren ja noch im Keller, weil ich meinen Geschäftsfreund nicht erreichen konnte“, wenigstens  hatte Regitz in seinem lädierten Zustand nicht mehr selbst mit Hand anlegen müssen, die Kiste in den Wagen der beiden Typen zu verfrachten.

„Tja“, schloss Regitz und schickte ein rotes Rinnsal aus den Nasenlöchern, „frag mich nicht, was das soll und wie man uns draufgekommen ist, keinen Schimmer hab ich, aber es war nun einmal so und das solltest du wissen.“

Nun wusste ich’s. „Borsig?“ Das hätte ich nicht fragen sollen. Regitz begann zu schluchzen. „Meldet sich nicht. Hab angerufen, bin hingegangen, seine Tür war aufgebrochen und alles durchwühlt. Keine Spur von ihm.“ „Hm“, machte ich, mir fiel nichts anderes ein. Das Gespräch verflachte abrupt, um aus Mitleidsgründen nicht „schlagartig“ zu schreiben. Ich bot Regitz vorübergehendes Asyl an, wie es gute deutsche Art ist. Der Mann mochte halbtot sein, blöd aber war er nicht. Die Tatsache, dass jene beiden Finstermänner noch nicht bei mir aufgetaucht waren, legte die Vermutung nahe, sie würden es in nächstbester Zeit tun. Und der Alte war nicht gewillt, weitere Teile seines Körpers für eine Verformung zur Verfügung zu stellen. „Ich hab so’n kleines Ferienhaus in der Bretagne, St. Malo die Korsarenstadt, wenn dir das was sagt. Dorthin ziehe ich mich fürn paar Wochen zurück, meine Schnalle war beim Roten Kreuz, freiwilliges soziales Jahr.“

Ich nickte und sagte „ach so“, Regitz nickte und sagte „genau“.

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Eine Antwort zu 10.01.2011 -50-

  1. Mistie schreibt:

    Hab’s mir doch gedacht – Schnee und rosa Plüschosterhasen passen nicht so recht zusammen …

    Hiermit verzichte ich offiziell auf den mir versprochenen Hasen …

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