08.01.2011 -48-

Der Schaumwein schmeckte miserabel, aber die Zigarette danach war wie immer unverächtlich. Wir kühlten uns auf dem Balkon die erhitzten Körperteile und Hermine fragte, ob es mir auch ein bisschen „was gebracht“ habe, sie jedenfalls… Für jedes Pünktchen bohrte sie ihren rechten Zeigefinger durch das Hemd in meinen Nabel. „Ja“, sagte ich, „bloß die Muscheln haben mich temporär abgetörnt. Ich bevorzuge Austern.“ „Stimmt“, gab Hermine zu, „aber die hat Aldi nicht in der Truhe. Nur die Muscheln. 2,99.“

Drinnen schenkte ich ihr feierlich das signierte Exemplar von „Tote zahlen keine Kontoführungsgebühr“. „Woher kennst du die Tussie und wieso unterschreibt sie mit Konstantin Marxer?“ Ich erklärte es ihr und sie erklärte darauf hin Krimiautoren zu neurotischen Spinnern, worauf mir kein Gegenargument einfiel. Jonas, der weiterhin auf vorweihnachtliche zwanzig Euro hoffte, saß mit uns am Tisch, griff sich das Buch und versprach es zu lesen. Die Information, dieses kindgewordene Beispiel für die Dringlichkeit einer Präimplantationsdiagnostik könne lesen, überraschte mich sehr.

„Für dich hab ich was anderes“: sprachs und zog den Plüschosterhasen aus dem Stoffbeutel. „Süüüüüsssss“, entzückte sich Hermine, „ich hasse dich, du Loser“, manifestierte Jonas mit einiger Berechtigung. „Den kannst du hinten aufziehen, dann sagt er dir was Nettes.“ Jonas tat es, hörte entrüstet zu und kündigte sodann an: „Wenn ich groß und stark bin, glaubst gar nicht, was für dicke Eier ich dir verpasse.“ „Okay“, lachte ich, „drück hinten den Knopf, zieh noch mal auf, dann lernst sogar Englisch.“ Aus lauter Trotz tat Jonas auch das.

„Kein Radfahrer wäscht Brot, wenn die Sonne im Kino Liegestütze macht oder der Hirsch nächtens gegen die Brandmauer pinkelt.“

„Cooler Spruch“, fand Jonas und grinste, „aber Englisch ist das nicht, oder?“

Ich seufzte leise und depressiv in mich hinein. Der Ausflug in die Welt der Kleinkriminalität hatte mir fürwahr kein Glück gebracht. Den verdienten Fünfziger verjubelten just einige jugendliche Börsenjunkies und das Bonushäslein entpuppte sich als anarcho-sprachgestörte Ausschussware. Jonas wiederholte den apokryphen Satz. Natürlich war es möglich, dass wir hier den Siegertext des nächstjährigen Ingeborg-Bachmann-Lesewettbewerbs zu Klagenfurt vernahmen, es konnte kaum verwundern. Einen Verdacht, dass man die Dinger an bangladeshischen Fließbändern fabulierte, hatte ich schon immer gehabt.

Jonas las den Aufdruck der Hasenverpackung und fragte in einem Anflug von Talkshow-Rhetorik: „Würde mich mal interessieren, warum einer ein Kreuz mit Kugelschreiber da draufgemacht hat.“ Hm, würde mich auch interessieren.

Hermine sah mich an. Ihr Blick, eben noch auf dem Mount Everest des Orgasmus-Himalaya, fiel jäh ins tiefste Tal des Zweifels. „Moooooritz“, sprach sie effektvoll gedehnt, „wo hast du das Plüschdingens da her? Und warum quakt das so ein komisches Zeug?“

Sofort brachen sämtliche Dämme und ich erzählte alles. Vom Schabernack meiner Stammtischbrüder, Sonja und Georg Weber, dem proletarischen Arbeitsbesuch bei Gebhardt und Lonig, den identischen Wirtsschwestern und ihrem Lothar, dessen Auffinden in letalem Zustand, nur von Oxana sagte ich, warum auch immer, kein Wort.

„Ach du heilige Scheiße“ kommentierte Hermine, während Jonas mich mit wachsender Begeisterung anstarrte und schließlich diesen dauerhaft notgeilen Typen mit einem „Wow, du bist Gangster und Privatdetektiv in einem!“ in den erlauchten Kreis seiner Vorbilder aufnahm, gleich neben Lady Gaga, Eminem und diesen durchgeknallten Vizekanzler.

„Tja“, fasste ich zusammen, „so ist die Lage. Und ich kann selbstverständlich nichts dafür.“

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