04.01.2011 -44-

Ich hatte keine Ahnung, ob meine durch die Kraft der Fiktion gewonnene Erkenntnis, der verstorbene Lothar Schmidt sei als Strom- und Wasserableser unterwegs gewesen, in der schnöden Wirklichkeit bestehen konnte. Es war mir aber auch herzlich egal. Etwas anderes beschäftigte mich mehr, die unleugbare Tatsache meiner Trunkenheit nämlich, der siebte Whiskey war von Oxana (inzwischen in Emma-Peel-ähnlicher Lederbekleidung, garantiert ohne Unterwäsche) serviert worden, ein in Anbetracht meines bevorzustehenden erotischen Abendessens mit Hermine gefährlicher Umstand. Da allerdings ein heftiger Fußmarsch von 30 Minuten auf mich wartete, vertraute ich auf die Ausnüchterungskräfte von sibirischer Kälte und innerstädtischer CO2-Belastung.

Marxer dachte nach. Mein Sketchvorschlag einer Talkshow, bei der nicht das Schweigen durch Reden, sondern das Reden durch Schweigen unterbrochen werden sollte, fand langsam seinen Gefallen. „Wir hängen über allen Teilnehmern mit Wasser gefüllte Eimer auf. Sobald einer zum Schweigen verdonnert wird, kippt der Eimer und nässt den Schweigenden. Ist natürlich Scheiße, aber hallo, wir reden hier über Unterschichtenfernsehen.“

Auch diese Feinheiten bürgerlicher Unterhaltung waren mir ziemlich gleichgültig. Ich verabschiedete mich von Marxer, der sich seinerseits nicht lumpen ließ und mir ein Honorar anbot, das handsignierte Exemplar von „Tote zahlen keine Kontoführungsgebühr“ nämlich. Doch damit nicht genug. „Geh in die Küche und lass dir von Oxana ein Doggy-Bag zusammenstellen. Du hast es dir verdient.“ Ich gab dem Dichter die schlaffe Hand und begab mich in die Küche.

Oxana war dabei, andächtig das Silber zu polieren. Sie lächelte mich an und packte Gänsebraten, Sahnetorte und einen Rest Kebab in Folie, verstaute alles in einem Plastikbeutel und reichte ihn mir mit der Geste einer Komplizin. „Er ist ein arrogantes, egoistisches, untalentiertes Arschloch. Wir sind uns einig?“ Ich lauschte den rollenden Rs nach. „Sie verstehen unsere Sprache?“ Oxana lachte ein gutturales Lachen. „Klar, aber sagen Sie es bitte dem impotenten Schmierfinken da drinnen nicht.“ Ich versprach es und sie gab mir einen Kuss aufs rechte Ohr.

Ich marschierte los und rechnete. Zuerst nach Hause, dann schnell an der „Bauernschenke“ vorbei, von dort aus zu Hermines Wohnung. Das würde geschätzte 35 Minuten dauern, somit musste ich alle fünf Minuten einen Whiskey dazu bringen, seine Macht über meinen Geist und Körper freiwillig aufzugeben. Ein paar Alka Seltzer und Aspirin zur Unterstützung meines Anliegens würden nicht schaden.

Zuhause steckte ich den Krimi in die Tüte mit den Essensresten, sie war groß genug, auch noch den Plüschosterhasen für Jonas zu fassen. Ich schluckte die Alkas und die Aspirins, fuhr mir mit dem Waschlappen übers Gesicht, putzte meine Zähne mehrmals und verließ die Wohnung. Es war dunkel und kalt, ein Dienstagabend im Winter eben, voll mit den üblichen Idioten, die der Beschaffung von Weihnachtsgeschenken einem Stresstest unterzogen und gedankenverloren auf der Suche nach Sonderangeboten waren, die sie zu nichtweihnachtlichen Zeiten nicht einmal mit dem Arsch angeschaut hätten.

Die „Bauernschenke“ war geschlossen, obwohl sie das laut Aushang nicht hätte sein dürfen. Dafür hing ein hastig mit Kugelschreiber verfasster Schrieb in an der Türscheibe, „wegen Trauerfall heute zu“. Ich dachte „so, so“ und wandte mich zum Gehen. „Tja“, sagte eine Stimme neben mir, „das hat die Mädels schwer getroffen. Der gute, arme Lothar.“

Ich drehte mich um und schaute auf einen zerrupften Kaninchenpelz.

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