03.01.2011 -43-

Mit einem von vier doppelten Whiskey bereits leicht bleibeschwerten Schritt inspizierte Marxer die Bücherbrigaden seiner Bibliothekswand, blieb dann stehen und zog ein unscheinbares Paperback aus der Reihe. Schwankte zurück und knallte es mit einem eklen „Da!“ auf den Tisch. „Als Renate Graf-Dünkel diese Schwarte geschrieben hat, habe ich – äh, hat sie anscheinend dringend Geld gebraucht.“

„Tote zahlen keine Kontoführungsgebühr“ las ich auf dem Cover. Marxer nahm das Buch und begann flüchtig darin zu blättern. „Moment mal, habs gleich. Jedenfalls befindet sich Renates Protagonistin, die taffe Detektivin Lolly Wax, in einer ähnlich beschissenen Situation wie du, wenn ich dem Klappentext glauben darf. Sie entdeckt eine männliche Leiche in einer Wohnung und muss Fakten sammeln. Zu diesem Zweck folgt sie einer Nachbarin des Ermordeten bis zu einem Baumarkt, verwickelt sie – rein zufällig natürlich – in ein Gespräch und lässt en passant fallen, sie suche eine Wohnung in der Nähe. Äh…ja hier. Warte ich, ich lese vor.“ Er räusperte sich.

„Frau Majakowski packte eine Dose Alleskleber in ihr Einkaufswägelchen und sagte ‚Na so was. Bei uns im Haus ist gerade eine Wohnung frei geworden. Aber –‘ Aber?‘ fragte ich vorsichtig, um den Fluss der Majakowskischen Rede wieder in Gang zu bringen.“

Marxer schnalzte mit der Zunge. „Fluss der Majakowskischen Rede. Du erkennst die literarische Anspielung?“ Ich erkannte die literarische Anspielung nicht und nickte heftig. Marxer fuhr fort.

„Frau Majakowski nahm die Dose Alleskleber wieder aus dem Wägelchen und las das Kleingedruckte, was ihr nicht zu gefallen schien, denn sie stellte die Dose zurück zu ihren Artgenossinnen.“

Marxer schnalzte abermals mit der Zunge. „Diesen Satz zitiert der Krimikritiker Schlunz in seiner Rezension als Beispiel für eine quasi transhumanistische Grundideologie der Autorin und vice versa. Die Dose als Artgenossin, du verstehst?“ Ich antwortete nicht und wartete, dass Marxer weiterlesen würde, was er auch endlich tat.

„‚Nun ja‘, fuhr Frau Majakowski fort, ‚es gibt da ein Problem. Die Wohnung ist nur deshalb frei, weil der Mieter äh plötzlich verstorben ist.‘ Ich erklärte ihr, das mache mir im Geringsten nichts aus, der Tod sei ein natürlicher Bestandteil des Lebens –“

„Schööön“, log ich und Marxer nickte bestätigend.

„- und ich hätte gelernt, ihn zu respektieren. Frau Majakowski nahm eine andere Sorte Alleskleber aus dem Regal und legte sie ins Wägelchen. ‚Ja schon, aber der arme Herr Winkelmann ist ermordet worden.‘ ‚Oh je‘ reagierte ich mit gespieltem Entsetzen, ‚das ist aber blöd.‘ Frau Majakowski nahm auch diese Dose wieder aus dem Wägelchen, wog sie skeptisch in der Hand und stellte sie zurück. ‚Ja, der arme, arme Herr Winkelmann. Der hat doch keinem was getan! Er war langzeitarbeitslos, aber nicht so römisch, wie man heute sagt. Der hat zwischen Weihnachten und Neujahr bei den Leuten den Strom- und Wasserverbrauch abgelesen, wissen Sie, für die Jahresabrechnung der Stadtwerke.'“

Das war es! Ich sprang auf, umrundete den Tisch und hieb Marxer euphorisch auf die Schulter. Lothar hatte im Haus, in dem Sonja Weber wohnte, nur den Strom- und Wasserverbrauch abgelesen! Die beiden kannten sich gar nicht und hatten kein Verhältnis miteinander! Vielleicht musst Sonja diesem Lothar lediglich die Kellerräume öffnen, damit dieser seiner Tätigkeit nachkommen konnte!

Marxer lächelte. „Nun ja, es ist kein Meisterwerk der Gegenwartsliteratur, also halte dich mit deiner Begeisterung ein wenig zurück. Obwohl – so schlecht ist es auch wieder nicht. Wo nur Oxana mit dem fünften Whiskey bleibt?“

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