30.12.2010 -39-

Ich war vor dem Fernseher eingeschlafen, der, als ich erwachte, sein Frühstücksprogramm munter in die frisch gewaschene Welt hinaus müllte. Die Wirklichkeit kam zurück, ein schüchternes und sehr hässliches Mädchen, das Mitleid heischte. Verschwinde, baffte ich es an, doch wie alle schüchternen und sehr hässlichen Mädchen war es hartnäckig, weil es endlich einen Dummen gefunden hatte.

Gewiss war der Tote in Lothars Wohnung längst entdeckt worden. Ich hatte mich schnellstens entfernt, ohne das Licht auszuknipsen, die Tür zu schließen, Georg Webers Personalausweis steckte wieder in der Jackentasche des Erschlagenen, die Polizei dürfte Sonja aufgesucht, sie zu einer Identifikation geladen haben. Ich stellte mir das vor, es lief mir kalt über den Rücken, ich wusch mich fragmentarisch und wartete auf das Klingeln des Telefons.

Es klingelte auch, aber ich ging nicht ran. War aufgestanden und zum Fenster gegangen, und zum erstenmal wurde mir bewusst, dass ich über Gardinen verfügte, dunkelgraues oder doch nikotindunkelgelbes Gewebe, was mich sogar daran erinnerte, dass ich eine Waschmaschine besaß. Ich beobachtete die Schneewelt, die inzwischen Matschwelt, die parkenden Autos. Saß jemand in einem drin? Wartete? Auf mich? Das schüchterne und sehr hässliche Mädchen Wirklichkeit schmiegte sich an mich und zeigte den Rest seines Zahngebirges, blies mir seinen Mundgeruch entgegen und flüsterte erotisch: „Wenn dich gestern Nacht jemand erkannt hat oder dir gefolgt ist, dann wissen die jetzt wo du wohnst.“ Die? Ach so, ach ja: DIE.

Abermals klingelte das Telefon und abermals ließ ich es zehn ungeduldige Male klingeln. Wenn DIE es waren? Nur um zu hören ob ich da sei und sich ein Besuch lohne? Nein, ich sah Gespenster. Wahrscheinlich war es nur der nette Herr Lukaschenko aus Weißrussland, der mich zu einer Tasse Tee einladen wollte, damit wir einmal in aller Ruhe über die Situation der Menschenrechte in seinem Land reden konnten.

Mich fröstelte, was nur zum Teil an der Knausrigkeit meines Vermieters bei der Heizölbeschaffung lag. Sollte das Telefon noch einmal klingeln, ginge ich ran. Ein Feigling bin ich noch nie gewesen. Das Telefon klingelte und ich ging nicht ran. Es war wie das Läuten einer Alarmglocke. Ich beobachtete die Welt durch den Schmutz der Gardine, der Fernseher plärrte immer noch im Hintergrund, kündigte Tauwetter an, als wären wir in Prag 1968, das Telefon klingelte erneut und endlich nahm ich den Hörer ab, sagte „Ja“.

Ein heftiges Schnaufen am anderen Ende der Leitung. Ich sagte noch einmal „Ja“, das angepeilte Fragezeichen wollte mir nicht gelingen. Wieder dieses Stöhnen. War dies das berühmte Stalking, von dem man so oft hörte? Es klang wie das fordernde Atmen einer Frau, jedenfalls kam es mir so vor. Es würde mir nichts ausmachen, von aufregenden Frauen gestalkt zu werden, Mädchen mit Modelmaßen und einem offensichtlich sehr guten Männergeschmack. Ich riss mich zusammen und schnurrte auf Geratewohl ein laszives „Hallo Schätzchen“, das Schnaufen hörte abrupt auf.

„Na endlich hast du mich erkannt“, meldete sich Hermine. „Kommst du heute Abend zum Essen? Es gibt einen Milchshake mit extra dickem Strohhalm als Aperitif, Tiefkühlmuscheln als amuse geule, danach Dosenspargel in Sauce Hollandaise mit Pommes und zum krönenden Abschluss – Eis am Stiel.“

Ich wusste, was mich erwartete. Ein erotisches Abendessen, wie Hermine es liebte. „Okay“, sagte ich ohne große Begeisterung, „ich bringe auch eine Flasche Schaumwein mit.“

„Du Schlimmer“, stöhnte Hermine zurück.

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