29.12.2010 -38-

„Mäzena Klaviere. Qualität, die sie hören können. Große Leistung zum kleinen Preis. Wenn Sie Bildungsgutscheine für den Klavierunterricht Ihrer Kinder erhalten, darf ein Produkt von Mäzena in Ihrem Heim nicht fehlen. Määääääääzeeeeeeeenah!“

Ich starrte auf den Bildschirm. Seit Stunden schon starrte ich auf den Bildschirm, die Fernbedienung in der Hand, meine Gedanken leider nicht mehr. Sie irrlichterten durch Werbespots und Talkshows, gruben sich in Jahresrückblicke und „Die Tierwelt Monacos“, ich war eine Säule, die von jedem dahergelaufenen medialen Hund angepinkelt wurde.

„Sagt das Baby Ei-Ei-Ei, fütter es mit BABA-Brei.“

Brei. Ich sah plötzlich wieder dieses Gesicht aus Brei, ein ALETE-Mord, durchfuhr es mich überflüssigerweise, macht der Mörder Ei-Ei-Ei, schlägt er dein Gesicht…

Natürlich war mir klar, dass ich mich mitten in einem Verdrängungsprozess befand. Ich kannte mal einen Mann, der hatte Helmut Kohl irrtümlich die Hand geschüttelt, weil er ihn für den Hausmeister hielt. Und sich sofort stundenlang unter die Dusche gestellt, aus Reinigungsgründen oder, wie die Griechen sagen, damit die Katharsis genügend Wasser bekommt. Völlig unlogisch. Er hätte sich ja nur einen halben Tag die Hände waschen müssen. Und ich fernsehte. Mein erster Toter, noch dazu einer mit zertrümmertem Gesicht. Irgendwie tat es mir gut, die auf andere Art zertrümmerten Gesichter von Politikern, Fernsehphilosophen, Silikonprinzessinnen und Bestsellerautoren zu betrachten, die sich ein nächtliches TV-Stelldichein gaben, bei denen sogar Vampire schleunigst wieder in ihren Särgen Zuflucht suchten. Garniert mit 230000 Toten eines karibischen Erdbebens, einem Mann, der nur den neuesten Mercedes fahren wollte, frierenden Obdachlosen, denen von netten Hostessen in knappen Christkindlkleidchen Tee gereicht wurde, einer strammen Moderatorengattin, die ihre Daseinsberechtigung in einem verschnürten Dirndl wohlverpackt bei sich trug, vergewaltigten Frauen im Ostkongo und gelangweilten Männern in Westdeutschland, die darauf schimpften, dass die deutsche Bahn fünf Minuten Verspätung hatte, fein verpackt in Wörtern wie „geil“ und „in der Tat“, „das allerbesteste“ und „ich finde das ja auch richtig, aber“.

„Abgespannt? Depressiv? Zu nichts mehr Lust? Machen Sie es wie Frau Schröder, kaufen Sie MEISTER POPPER, jetzt auch in der extralangen Weihnachtsedition.“

In einen Krimi hinein. Der Detektiv (er sah natürlich wesentlich besser aus als ich und hatte viel telegenere Dämonen durchs Dorf zu treiben) betritt die nächtliche Wohnung, bekommt eins über den Deez, wacht neben einer Leiche auf und schon ist die Polizei da und nimmt ihn hopps. „Es war alles ganz anders!“ schreit er in die Kamera, und vielleicht hat er ja recht. Alles war ganz anders. Hatte ich wirklich die Leiche von Georg Weber gefunden oder doch nur seinen Personalausweis?

„ULTRAHGIENA! Die Monatsbinde, die ihre Tage zum EVENT macht!“

Kein schickes Kombinieren jetzt, keine logischen Kunststückchen. Die medialen Hunde, die sich an mir erleichtert hatten, bekläfften mich nun, ich zähmte sie mit meiner Fernbedienung, ließ Schnipsel aus Telefonsexwerbung über mich ergehen, einen kettenrauchenden Exkanzler sowie einen französischen Historienfilm mit sehr viel Fechterei, ich sah in die Gesichter der herrlichsten Frauen und überlegte, welchen schweren Gegenstand man brauchen würde, aus diesen Gesichtern Brei zu machen. Mit Grauen fiel mir ein, dass es ja keinen Sendeschluss mehr gab. Alles würde so weiterlaufen, bis ans Ende meiner Tage.

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2 Antworten zu 29.12.2010 -38-

  1. Mistie schreibt:

    „Alles würde so weiterlaufen, bis ans Ende meiner Tage.“
    Höre ich da depressive Töne ob des Selbsteingebrockten?

  2. federfrau schreibt:

    vielleicht eine art nach feiertags-blues…

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