28.12.2010 -37-

Treppen mag ich nicht. Das ist etwas für Karrieristen und solche, die es werden wollen, für Menschen, denen das Hochsteigen als quasi orgiastische Tätigkeit gleich nach der Gehaltserhöhung und dem Beischlaf kommt, in dieser Reihenfolge.

Also hätte ich weglaufen sollen, nicht durch die offene Haustür treten, um mich der gefährlichen Welt eines dunklen Treppenhauses zu überantworten. Es war sehr still. Kein Fernseher murmelte, kein Baby schrie sich in den Schlaf, keine Ehekrise wurde verbalisiert, nicht einmal die obligatorische Oma schleppte sich aus Inkontinenzgründen aufs Klo. Meine Füße ertasteten jede Stufe, denn das Licht wagte ich nicht anzuknipsen, so stieg ich höher und höher, bis mich die offene Tür zu Lothars Wohnung zur Feier des Tages mit einem Schwung Birnenlicht empfing und „komm nur rein, hinter der Tür wartet einer mit dem Totschläger auf dich“ höhnte.

Super, dachte ich und schob die Tür mit dem Fuß ganz auf, bis die Klinke mit der Wand dahinter handgemein wurde, wie es einmal bei Wieland geheißen hat. Etwas riet mir, nichts mit den Händen anzufassen, wiewohl keine Behörde dieser Welt stolze Besitzerin meiner Fingerabdrücke war, aber die entsprechende Hand hätte ich dafür auch nicht ins Feuer gelegt. Erst einmal stehen bleiben, tief ein- und ausatmen, die Luft anhalten, lauschen. Tickte irgendwo eine Uhr? Nein. Schnaufte jemand in einem Hinterhalt? Nein, hoffentlich nicht. Sollte ich jetzt „Hallo, ist das wer?“ rufen? Auch nicht, das vertretbare Quantum an „Hallo, ist das wer?“ befindet sich im Monopolbesitz deutscher Krimiserienschreiber und auf einen Copyrightprozess wollte ich es nicht ankommen lassen. So setzte ich still und vorsichtig Schritt für Schritt, kam dem Raum, in dem Licht brannte, immer näher und hoffte, es möge mich nicht das erwarten, was ich befürchtete.

Im Wohnzimmer von Lothars Wohnung – die übrigens genauso bieder war wie die Georg Webers, so dass man, hätte Lothar Meier geheißen und nicht – hab den Namen schon wieder vergessen, getrost von einer Biedermeierwohnung hätte sprechen können, aber der Kalauer war natürlich unter meinem Niveau und jetzt muss ich erst einmal lesen, wie ich den Satz angefangen habe, ach so: Im Wohnzimmer von Lothars Wohnung sah es aus wie in meiner, wenn ich mich nach zwei Jahren dazu aufraffe, endlich aufzuräumen und zu putzen. Mit einem Unterschied: In meiner Wohnung liegt nur selten ein Mensch auf dem Teppich und blutet vor sich hin. Oder korrekter: Hat vor sich hin geblutet und jetzt nicht mehr, weil Tote unter anderem nicht mehr aktiv bluten können. Ok, so gut kenne ich mich da nicht aus, aber es wird wohl so ähnlich sein.

Dieser Mann hier war tot, gar nicht anders möglich. Sein Gesicht war praktisch nicht mehr vorhanden, jedenfalls nicht so wie auf Passbildern. Jemand hatte es mit einem augenscheinlich schweren Gegenstand bearbeitet, wie ein Bildhauer, der aber aus einem Nichts von Gestalt ein Gesicht meißelt, bei dem Mann auf dem Teppich war genau umgekehrt vorgegangen und ein Gesicht zu einem Nichts von Gestalt gemacht worden. Eine Masse aus Blut, Hirn, Fleisch und Knochen.

War das Lothar? Nicht zu erkennen. Ich trat sensationellerweise einen Schritt vor, bückte mich. Lothar oder wer auch immer trug eine Freizeitjacke, die von der eben näher beschriebenen Masse in Mitleidenschaft gezogen war, die Freizeitjacke verfügte über eine Innentasche und aus dieser war etwas halb herausgerutscht, das wie eine Brieftasche aussah. Ich nahm ein Taschentuch aus meiner Hose und fischte die Brieftasche heraus, warum auch immer, ich weiß es wirklich nicht. In der Brieftasche steckte ein Personalausweis, ich betrachtete ihn mir und las die Daten. Er war auf Georg Weber ausgestellt. Ich hatte meinen Auftrag erledigt. Möglicherweise oder auch nicht.

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