26.12.2010 -35-

Unter einem Plexiglasdach, das vor Jahrhunderten dazu ausersehen gewesen war, abgestellte Fahrräder vor den Unbillen der Witterung zu schützen, flackerte ein  nervöses Feuerchen in einer Öltonne. Darum gruppierten sich sieben schwerstvermummte Jugendliche, als solche nur an ihrer hippen Kleidung zu erkennen. Ein Drum von Joint wanderte geduldig von Mund zu Mund. Sie drehten mir langsam ihre Gesichter zu, vier Jungs und drei Mädchen, so weit sich das unter den Kapuzen auseinander halten ließ.

„Schönen Abend auch“, murmelte ich und wollte mich umdrehen. Wo sich die Jugend zum Gedankenaustausch versammelt, da soll das Alter nicht stören, mahnte die sensiblere Seite meines Gemüts, doch ein spitzer Gegenstand, der eiskalt auf meinen Nacken gesetzt worden war und sich dran machte, ein Löchlein in die Haut zu bohren, sagte „bleib wie du bist und wo du bist“. Und der Besitzer des spitzen Gegenstandes  krächzte mir nass auf den Hinterkopf: „Aha, Besuch.“ War das der Mann, der mir gefolgt war? Eine eher jugendliche Stimme. Sie sagte sodann, an das Septett gerichtet: „Das ist Herr Dingsbums von der Oh Tannenbaum AG. Er möchte uns als Shareholder für seine Gesellschaft gewinnen.“

Hm, dachte ich, kaum gibt man den Hartzern fünf Euro mehr im Monat, schon gründen sie einen Hedgefonds. Der spitze Gegenstand in meinem Nacken drückte penetranter und drohte mit massiver Körperverletzung, ich machte einen Schritt nach vorne und noch einen, genau so wie es wohl beabsichtigt war, bis ich mich als Teil des Septetts, nun ein Oktett, wiederfand.

„Ok, Herr Dingsbums“, sagte meine zufällige Nachbarin, eine blasse kaum 16jährige Vorstadtschönheit, „dann dax mal bis der Bulle kommt, aber wenn der Bär in Richtung leverage steppt, kommst du etagenmäßig unter EZB-Zinsniveau und siehst den Nikkei-Index offshore.“

Ich verstand kein Wort, aber alles war mir klar. Der Joint kreiste schneller und erreichte mich, „zieh“, sagte ein Junge und ich zog. „Und jetzt sing ein Weihnachtslied, Mann von der Oh Tannenbaum AG“, sagte ein anderer, und der Mann von der Oh Tannenbaum AG sang ein Weihnachtslied.

„Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter. Du blühst nicht nur zur Sommerszeit, nein auch im Winter, wenn es schneit.“

Stille. „Und jetzt die zweite Strophe“, forderte es von links. Ich hatte nicht gewusst, dass das Lied überhaupt eine zweite Strophe sein eigen nennt, doch die Forderung wurde von dem spitzen Gegenstand in meinem Nacken bekräftigt und also sag ich die zweite Strophe.

„Oh Weltabschaum, Oh Weltabschaum, wann kommt denn der Erretter? Du sitzt in deinem Bankenturm, du ekelhafter Börsenwurm, oh Weltabschaum, oh Weltabschaum, wann kommt denn der Erretter!“

Ein Mädchen begann zu flennen und schluchzte „schön“. Der spitze Gegenstand in meinem Nacken zog sich ein wenig zurück. Wieder erreichte mich der Joint, wieder zog ich und merkte so allmählich, dass die Welt gar nicht so schlecht war, wie ich immer gedacht hatte. Der spitze Gegenstand wurde aus meinem Nacken genommen, sein Besitzer stellte sich neben mich, es war ein winziges Bürschchen, das seinen wirklich spitzen Fingernagel massierte und sagte: „Ok, Mann von der Oh Tannenbaum AG. Du bist cool und wir kaufen deine Scheißpapiere. Aber gib mal zuerst Boni.“

Ich zog den Fünfziger, den mir Regitz in die Jackentasche gesteckt hatte aus derselben und sah ihn blitzschnell in der Jackentasche des Kleinen mit dem spitzen Fingernagel verschwinden. Und das tat ich denn auch. Ein wenig gelockert taumelte ich wieder auf die Straße, sah nach links, sah nach rechts, sah niemanden und grinste den Schnee an. Noch einmal: Wo war ich? Scheiß drauf. Ich ging einfach weg.

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2 Antworten zu 26.12.2010 -35-

  1. Ingrida schreibt:

    Schön, dass es hier auch zu den Festtagen in flotter Sprache weitergeht. Auch von mir die besten Wünsche zum Rest-Weihnachtsfest und ein gutes Neues (den Rutsch verkneif ich mir bei den Wetterverhältnissen lieber). Nun habe ich dennoch einen Wunsch – aufs ganze Jahr verteilt: Wenn mein Name in einem Weltkrimi auftaucht, möchte ich auch eine Nebenrolle spielen. Ich habe Vorzüge, z.B. meine Stimme ist drei Oktaven tiefer als bei Kevin (allein zuhaus). Im Ernst, ich freue mich auf die nächsten Episoden und beste Grüße

  2. federfrau schreibt:

    welch gelungene text-umdichtung!
    aber zwei strophen sind doch ein bisschen wenig.

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