25.12.2010 -34-

Tief „Omar“ peitschte neuen Schnee über die Stadt. Ich legte mich mutig gegen den Wind, das Gesicht geriet in eine Gefriertruhe, die eine Waschmaschine in der Ahnenreihe haben musste. Vor mir torkelte ein schniekes Paar in Lammfellmänteln und warf Schachtelsätze durch die Luft, die Sätze drehten Salti und zersplitterten in den Ohrmuscheln. Da wir uns nicht am Hindukusch aufhielten, konnten das nicht der Verteidigungsminister plus Ehefrau sein. Ich quälte mich in ihren Windschatten und kam einigermaßen heil durch die Fußgängerzone.

In mir dachte es. An Sonja Weber und was sie bei meinem Besuch heute Mittag getragen hatte. War ich in sie verliebt? Nein. War ich eifersüchtig auf diesen Lothar, der eventuell ein Verhältnis mit ihr hatte? Ja. Wie passte das zusammen? Blödeste aller Fragen. Als würde irgendwo irgendwas zusammenpassen, wenn schon bei IKEA die Schrauben notorischerweise breiter sind als die Löcher für die Schrauben. Das Paar vor mir bog ab und lieferte mich wieder den Schneerabauken aus, die sofort auf meine Visage einzuprügeln begannen, was ich zwar verstehe, aber dennoch nicht schätze.

Aus der Straße, in der Lothar wohnte, brüllte mir der Wind entgegen. Ich ging langsam und schwer an den parkenden Autos vorbei, sie waren nur überzuckerte Schemen in meinen brennenden Augen, das Fahrzeug von gestern, in dem jemand gesessen und vielleicht Lothars Wohnung beobachtet hatte, konnte ich beim besten Willen nicht ausmachen. Ich zückte die kleine Taschenlampe und leuchtete auf das Klingelbrett. Lothar Schyprishyvitzky. Ein Mann, an den man sich nur erinnerte, weil man sich partout nie an seinen Namen erinnern konnte. Einen Schritt zurücktreten, hochschauen, kein Licht. Ich steckte die Taschenlampe ein und ging weiter. Hinter mir wurde eine Autotür geöffnet, zugeschlagen, ich drehte mich nicht um. Lauschte gegen das Heulen des Windes, beschleunigte so gut es eben ging, bog in eine Seitenstraße ein, durch die ich noch nie gegangen war, wollte mich immer noch nicht umdrehen, lauschte weiter, hörte nichts. Und weil ich nichts hörte, glaubte ich etwas zu hören, denn im Leben ist alles Religion. Wenn es schon keinen Gott geben kann, dann erfinden wir uns halt einen.

Noch eine Straße und noch eine. Wo war ich? Im verrufensten Viertel der Stadt, wo man fieserweise das Bruttosozialprodukt drückte, was auch der schlimmste Blizzard nicht verbergen konnte. Gleich links eine schäbige Kneipe mit einem Schild im Fenster, „Alk gegen Bildungsgutscheine“. Zahnloses Gemurmel hinter der geschlossenen Tür, darüber aus den Wohnungen wahlweise Stimmen aus dem Fernseher – „In Bad Zwischenahn wurde der Christbaum mit Weißwürsten geschmückt“ – oder das theatralische „Ich schlag dich doot, du Sau“ aus Gattenmund. Bloß nicht umdrehen. Da war jemand und kam näher. Keine Glaubensfrage mehr, sondern Gewissheit, denn dieser Jemand hatte gehustet. Schneller. Noch eine Straße, noch ärmlicher als die zuvor. Rechterhand ein Torbogen, der zu einem Hinterhof führen mochte. Ein gehetzter Blick über die Schulter, niemand zu sehen, ich schlüpfte durch den Torbogen, warf mich um eine Hausecke. Und da standen sie.

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Eine Antwort zu 25.12.2010 -34-

  1. Leanne schreibt:

    Frohe Weihnachten, lieber dpr und liebe Mitleser

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