23.12.2010 -32-

„Der Proletarier sticht wie eine Biene und saugt dann den süßen Nektar des Mehrwerts aus der offenen Wunde des Kapitalismus.“ Regitz flüsterte es augenzwinkernd und zog mich, immer dem Strahl der Taschenlampe nach, tiefer in die Lagerhalle. „Marx?“ fragte ich, „nö“, antwortete der Alte, „original Regitz. Für so was war Marx einfach nicht clever genug.“

In einer vergessenen Ecke des Lagers blieben wir stehen. Regitz leuchtete eine Erhebung unter einer grauen Plastikplane an, zog diese mit einem Ruck weg, als enthülle er das Denkmal des diebischen Arbeitnehmers. Zum Vorschein kamen zwei mir wohlbekannte Kisten.

„120 Osterhasen“, schloss ich messerscharf und Regitz nickte die Rechnung zufrieden ab. „Dafür krieg ich 240 Affen von meinem äh…. Geschäftspartner. Zähl die 60 von dem Typen, der seine Chefin poppt, dazu, dann macht das 300. Wir haben heute morgen zusammen zwölf Stunden gearbeitet und jetzt noch mal geschätzte drei. Macht 15. 300 geteilt durch 15 sind 20, was ich einen adäquaten Stundenlohn für saubere und ehrliche Arbeit nenne. Oder bist du anderer Meinung?“

Ich war es natürlich nicht. Die Argumentskette Regitzens überzeugte mich sofort. Wir griffen die erste Kiste und trugen sie nach draußen zum Wagen, hievten sie hinein, wiederholten es mit der zweiten Kiste und sagten nach erfolgreicher Arbeit ein synchrones „Puh“. Regitz schloss die Tür der Lagerhalle ab und tätschelte hernach meine Wange. „Gutes Jungchen. Schön, mit dir zu arbeiten. Hast du eigentlich heute Morgen irgend etwas mitgekriegt?“

„Nein“, sagte ich die Wahrheit und schämte mich. Für einen Detektiv war ich höchst unaufmerksam gewesen, aber Regitz wusste nicht, dass ich Detektiv war und das sollte auch so bleiben. „Nun, Jungchen“, explizierte Regitz und zog die Nase hoch, „der gute alte Borsig hat die beiden Kisten gleich auf seiner Aufwärmrunde verschwinden lassen. Er mag nur eine Hirnzelle besitzen, aber mit der arbeitet er höchst effektiv, wenn es um den Job geht. Sofort erfassen, wo ein verschwiegenes Eckchen ist, die Kisten aufladen, hinfahren, abladen, dann das Ganze zudecken. Planen liegen hier ja überall rum. Derweil der Mann, der seine Chefin moppelt, damit beschäftigt ist, sich darauf zu konzentrieren, uns im Auge zu behalten. Darf er. Wir sind nämlich schon fertig.“

Borsigs hatte inzwischen eine der Kiste zwecks Kontrolle geöffnet, einen Osterhasen entpackt und war gerade dabei, ihn aufzuziehen. Das ekstatische Wackeln der Ohren schien es ihm angetan zu haben „Lass das“, schnauzte Regitz, nahm ihm das Spielzeug aus den Händen und legte es väterlich in die meinigen. „Hier, mein Sohn, schenk den deiner Freundin, dann lässt sie dich an Heiligabend auch noch mal extra ran.“ „Danke“, sagte ich und nahm mir vor, den Hasen als ein Präsent der Zuneigung Jonas zu übereignen.

Wir quetschten uns zu dritt auf die Sitzbank und verließen den Ort unserer nächtlichen Arbeit. Ich spürte Regitzens Hand in der Jackentasche, „da hast deinen Fuffi, aber nicht gleich ins Puff gehen.“ Er lachte ordinär, Borsig fiel noch ordinärer ein.

So gondelten wir zurück in die Innenstadt, drei gutgelaunte Menschen, Stützen der Gesellschaft, Vorkämpfer für einen gerechten Mindestlohn, voller Verachtung für eine SPD, die sich mit lausigen Achtfünfzig zufriedengeben würde. In der Nähe von Sonja Webers Wohnung und „Bauernschenke“ stieg ich aus, verabschiedete mich von meinen neuen Kollegen, nicht ohne Regitzens „Mit dir kann man arbeiten, Junge!“ stolz abzunicken.

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