22.12.2010 -31-

Wieder fuhr ich mit der S-Bahn hinaus ins Industriegebiet. Allerhand Volk, wie es schon in der Bibel heißt, fläzte sich auf den schäbigen Sitzgelegenheiten oder baumelte als Fleischerhaken an den Haltegriffen, ehrlich ermüdete Bewohner der Vororte und Nachtschichtler, denen der wenige Schlaf des helllichten Tages monotone Dramen in die Gesichter geschrieben hatte.

Hinter mir babbelte es zungenflink, zwei Mädchen, die sich als Arzthelferinnen-Azubis outeten und Blutwerte diskutierten, dann nahtlos zu den Abenteuern des verflossenen Wochenendes übergingen, irgend welchen Kevins und Marks, denen die Colts zu locker gesessen hatten. Ich spürte den Tag in sämtlichen Knochen, harte körperliche Arbeit war nicht mein Ding, geistige allerdings noch weniger. Es müsste Berufe geben, die für das durchschnittliche mitteleuropäische Gehirn genauso locker zu verkraften sind wie für dendurchschnittlichen mitteleuropäischen Körper. Und es gab sie tatsächlich. Sie hießen „Sachbearbeiter“, und es musste ein Traum sein, den ganzen Tag Sachen zu bearbeiten, die auch funktionierten, wenn man sie nicht bearbeitete. Leider verfügte ich nicht über die notwendigen Beziehungen und so konnte ich nur neidisch nicken, wenn mir jemand erzählte, er sei Sachbearbeiter, irgend welche Sachen halt, so genau lasse sich das nun nicht erklären.

Die Lagerhalle von Gebhardt und Lonig lag einsam und verlassen in beruhigender Dunkelheit. Ich tat so, als ginge ich vorbei, sah mich vorsichtig nach allen Seiten um, sprang dann mit zwei Sätzen zu einem Nebeneingang, durch den man die Büros erreichen musste, zog den in Webers Wohnung gefundenen Schlüsselbund hervor und probierte den fünften, bislang noch nicht identifizierten Schlüssel. Er passte wie erwartet. Ich steckte den Bund wieder ein, dies hier konnte warten. Es war kurz vor 21 Uhr, ich lief hin und her und rauchte eine Zigarette.

Das Auto näherte sich langsam mit abgeblendeten Scheinwerfern. Ein kleiner Transporter, so nennt man die Dinger wohl, und hinter der Scheibe grinste mir Borsigs Visage entgegen, während Regitz auf dem Beifahrersitz saß und in einem Buch las, wahrscheinlich dem neu erworbenen Marihuana-Thriller von Peter J. Kraus mit dem wunderbaren Titel „Joint Adventure“. Dann ging alles sehr schnell.

Der Wagen wurde bis vor das Tor der Lagerhalle gefahren, Regitz und Borsig sprangen heraus. „Hallo, mein Sohn, du bist pünktlich, das lobe ich. Wir gehen jetzt da rein“ – er wies auf das Tor – „und holen uns den uns zustehenden Tariflohn für unsere Arbeit heute morgen.“ „Ach“, lächelte ich unvorsichtigerweise, „und wie kommen wir rein?“ Borsig gab ein gurgelndes Geräusch von sich, Regitz indes lächelte mit der arroganten Überlegenheit eines Unfehlbaren, griff in seine Jackentasche und ließ dort viele Schlüssel klimpern.

„Keine Firma hier auf dem Gelände, die ich nicht öffnen könnte. Ich erkenne die Schlüssel schon an der Form, warte mal.“ Er spielte ein wenig in seiner Tasche und zog dann einen Schlüssel hervor, den er in das Torschloss steckte. Er ließ sich ohne Mühen drehen, das Tor öffnete sich.

„Und nun fix, Jungchen. Mach schon mal die Autoklappe auf, Borsig, der Kollege und ich bringen gleich die Naturalien.“

Borsig tat wie geheißen, Regitz, der eine große Taschenlampe aus dem Nichts hervorgezaubert hatte, stieß mich an und so betraten wir das Lager. „Da hinten“, sagte der große Führer, „hübsch verborgen die beiden Kisten mit den Osterhasen. Spuck in die Hände und dann los.“

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