21.12.2010 -30-

Es dämmerte, als ich Sonja Weber verließ. Sie hatte mir, um auf freundlichere Gedanken zu kommen, einige Schwänke aus dem Leben ihres Bruders erzählt, mit dem erwarteten Ergebnis, dass ihr nach zwei Minuten keiner mehr einfiel. Georg Weber hatte als pubertierender Jugendlicher Himbeermarmelade in ein allzu luftig gebackenes Brötchen gespritzt, sein Vater herzhaft hineingebissen und sich übel verkleckert. Das war der Höhepunkt im bisherigen Leben des Verschollenen gewesen, und da an ein zukünftiges Leben aus naheliegenden Gründen nicht gedacht werden konnte, war auch mit weiteren Schandtaten nicht zu rechnen.

Die „Bauernschenke“ lag im Dunkeln, doch im Inneren fiel ein Teller zu Boden, eine Frauenstimme schimpfte, eine andere schimpfte zurück. An Montagen öffnete das Etablissement erst um 20 Uhr, wie ich dem Aushang entnahm. Also trollte ich mich heimwärts, um das nächste Abenteuer seelisch vorzubereiten.

Es ging mir nicht schlecht. In meinem Geldbeutel schlummerte der Gegenwert von fünfzehn heißen Vereinigungen mit Hermine beziehungsweise, unter dem Aspekt des Jugendschutzes betrachtet, der endgültigen Überantwortung von Jonas an den Spielteufel. Ich rief Hermine sogleich an, sie meldete sich mit einem erotischen „Ja?“, und im Hintergrund krächzte Jonas „Telefonsex kostet 10 Euro!“. Einige Minuten lang sagten wir uns schmutzige Dinge, so mochten von Zeit zu Zeit auch die Bundeskanzlerin und Jean-Claude Juncker über Eurobonds parlieren, nur ging es bei uns um essentiellere Angelegenheiten als die Zukunft des Euros. Aber freuen wir uns auf die entsprechenden Wikileaks-Veröffentlichungen.

„Hast du Karl May gelesen?“ fragte Hermine und fuhr, ohne die Antwort abzuwarten, fort: „Das Buch da, wo die Männer ihre Stangen immer in den tödlichen Sumpf stecken müssen, damit man sich nicht verirrt und in den Vertiefungen verschwindet.“

„Ja“, antwortete ich, „Karl May war schon eine Quadratsau. Nichts wie feuchte Niederungen und Stangen jeder Art, darüber hat mal ein Typ ein dickes Buch geschrieben, über die erotischen Landschaftsbeschreibungen bei Karl May und so.“ Das hatte Hermine noch nicht gewusst, ich versprach ihr, das Buch unter den Christbaum zu legen.

Wir unterhielten uns zudem über die Möglichkeit, deutsche Soldaten mitsamt ihren Ehefrauen und Freundinnen an den Hindukusch zu schicken, wo doch der Verteidigungsminister auch nicht ohne seine Angetraute mehr außer Haus schlafen durfte. „Hat es übrigens früher schon mal gegeben“, belehrte ich Hermine, „im Dreißigjährigen Krieg und so, da sind die Familien mit ihren Soldatenmännern ins Schlachtfeld gezogen und haben nach getaner Arbeit die Leichenteile weggeräumt.“ Bei „Leichenteile“ assoziierte Hermine sogleich eine größere Sauerei, was ich in Anbetracht der Vorweihnachtszeit unpassend fand, aber nicht sagte.

Als Jonas lauthals auf fünfzehn Euro erhöhte und damit drohte, widrigenfalls das Jugendamt einzuschalten, machten wir Schluss. Es war an der Zeit, ins Industriegebiet zu fahren, um Regitz und Borsig bei einer Arbeit zu helfen, von der ich mir keine Vorstellung machen konnte. Mir war am Morgen nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Wir hatten hart gearbeitet, sauber und schnell, uns gewohnheitsmäßig prostituiert, ohne Widerworte und Zwischenfälle. Ich war gewillt, mich überraschen zu lassen.

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5 Antworten zu 21.12.2010 -30-

  1. Bio schreibt:

    >>„Höre, mein Sohn. Willst du dir einen Fünfziger verdienen? Du scheinst mir ein aufgewecktes Bürschlein und stehst knietief in der Arbeiterklasse. Komm heute Abend Punkt 9 zu Gebhardt und Lonig. Mir ist kurzfristig ein Mitarbeiter ausgefallen. Willst du?“<<

    Jetzt steuern wir doch wohl auf den ersten kleinen Höhepunkt zu, oder? Bei einem Handgeld von fuffzig Euronen ist das bestimmt ein Entsorgungsauftrag.

  2. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Sie müssen wohl Biobananen aus Meck-Pomm stillschweigend entsorgen. Tja.

  3. Bio schreibt:

    Oh, la! Die MeckPommes sind schon clever. Die beheizen mit der Abwärme aus dem Atommüll in Lubmin riesige Treibhäuser, in denen sie Bananen angepflanzt haben, und weil auf den Eingangstüren ganz dick BIOHAZARD draufsteht, werden die Erzeugnisse eben als BIO-Bananen deklariert. Leider kommt es nach dem Verzehr dieser Früchte immer wieder zu letalen Begleiterscheinungen.
    Ich bin gespannt, ob bei Gebhardt & Lonig was entsorgt werden muss. Wenn ja, nur die Bananen? oder auch ihre Opfer? 😀

  4. Mistie schreibt:

    Tippe auf 2 Kisten Plüschhasen, die „privat“ verkauft werden müssen 😉

  5. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Wenn das stimmt, kriegst einen davon zu Weihnachten. Von wem auch immer…

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