15.12.2010 -24-

Die Geschäfte von Gebhardt und Lonig, Im- und Export, schienen zu florieren. Während ich noch darüber sinnierte, ob jener stellvertretende Geschäftsführer nun Honig oder doch logischerweise Lonig hieß, führte uns dieser Herr durch ein Labyrinth bis zur Decke wachsender Regale, an Freiflächen mit leeren Kisten und Kartons vorbei, an denen sich kleine dunkelhäutige Männer stumm zu schaffen machten. Borsig hatte sich sogleich eines Gabelstaplers bemächtigt und drehte eine Aufwärmrunde zwischen den LKWs und dem Eingang zur Lagerhalle.

Wir anderen begaben uns in den hinteren Teil des Etablissements, wo wir die Kisten in Empfang nehmen und öffnen, den Inhalt sodann ohne Umstände gemäß der Bestellscheine umpacken sollten. Zwei der kleinen dunklen Männer, Tamilen wohl, standen schon mit Hämmern und Bauchtaschen voller Nägel bereit. „Aha“, flüsterte mir Regitz zu, „das sind die 3-Euro-Jungs aus dem Asylantenheim.“

Honig / Lonig positionierte sich strategisch günstig am Rande des baldigen Schlachtfeldes. Wie nicht anders zu erwarten, oblag ihm die Kontrolle und Oberaufsicht, nur das Pferd fehlte, von dessen Rücken er die Movements seiner Truppen besser hätte lenken können. Als Borsig die erste der Holzkisten vorgefahren und wir diese geöffnet hatten, erfuhr ich endlich, mit welcher Ware wir gerade unseren kargen Lohn verdienten. Plüschosterhasen. Sechzig Stück pro Kiste, 6000 insgesamt. Honig – der Name gefiel mir inzwischen besser als der andere – öffnete einen Karton, entnahm das edel in Altrosa gehaltene Spielzeug, besah es sich kritisch prüfend und drehte den Schlüssel, welcher dem Tiernachbau aus dem Rücken ragte. Sogleich bewegten sich die mächtigen Ohren wie sonst nur Tanzbeine auf Dope und eine Lachgasstimme sagte „Ach du dickes Ei – Ach du dickes Ei“. Bis der Mechanismus erschöpft war und Meister Lampe die Ohren wieder unbeweglich steif hielt. Honig drückte auf einen unter dem Schlüssel angebrachten Knopf und gönnte dem Spielzeug eine weitere Runde lustiges Wackeln mit den Extremitäten. Jetzt hörten wir etwa zwanzig Mal „Ei love you hahaha – Ei love you hahaha“.

„Toll“, schleimte Regitz, „das is was für Intellektuelle. Sehr witzig.“

Die kleinen dunklen Männer zeigten große weiße Zähne und ließen die Hämmer in den Händen wackeln. Auch Honig grinste angetan. „Ja, genau. Wer nämlich das bilinguale Wortspiel nicht kapiert, hat entertainmentmäßig verschissen. Die Kinder werden so etwas lieben.“

Wir zweifelten nicht daran. Schließlich war das Spielzeug in Bangladesh auch von Kindern gefertigt worden, damit sich unsere nach anstrengenden PISA-Arbeiten von ihrem Analphabetismus erholen konnten. Honig steckte den Hasen in seine Verpackung zurück und nickte. „Und jetzt an die Arbeit, meine Herren! Punkt ein Uhr kommen die LKWs und bringen das Zeug zu den Kunden.“ Er klatschte wie ein Großmotivator in die Hände, rieb diese und las die Daten auf dem ersten Bestellzettel vor. 432 Exemplare gingen nach Katar, die gerade dabei zu sein schienen, alles zu kaufen. Fußballweltmeisterschaften, deutsche Baufirmen, bangladeshische Osterhasen, blonde schwedische Jungfrauen sowieso. Wir seufzten und machten uns an die Arbeit. Die beiden Jungs von der Sonneninsel wuchteten die erste Kiste vor unsere Füße.

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4 Antworten zu 15.12.2010 -24-

  1. Bio schreibt:

    Irgendwie merkt man´s ja doch, dass deine wahre Liebe nicht dem Krimi gilt, sondern der Arbeitswelt 😀

  2. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Als wäre die Arbeitswelt nicht kriminell genug… Ich weiß, ihr wartet alle auf den ersten Mord. Er wird voraussichtlich „zwischen den Jahren“ stattfinden. Wer errät, wen es erwischt, erhält ein handsigniertes Exemplar eines meiner nächsten Bücher…

  3. Anja Helmers schreibt:

    Dann aber bitte nicht mehr so viele mögliche Kandidaten einführen, dpr, sonst wird es mit dem tippen so schwer.

  4. die federfrau schreibt:

    der stellvertretende geschäftsführer honig wird von einem tanzenden ausgeflippten osterhasen unter ei love you gejohle plattgemacht……i love it

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