11.12.2010 -20-

Das Industriegebiet lag innerhalb des Joseph-von-Eichendorff-Rings wie ein besonders fleißiges Kind in den warmen Armen seiner Mutter. Schnurgerade Straßen, die nach weniger bekannten Vertretern der romantischen Literatur benannt waren, gingen davon ab und führten geradewegs in das Herz von Handel und Wandel. Ich stieg aus und stapfte den Clemens-von-Brentano-Weg hoch, bog dann in die Friedrich-de-la-Motte-Fouque-Straße, passierte den bereits emsig bearbeiteten Großmarkt, überquerte die Kreuzung Ludwig-Tieck-Straße / Novalis-Straße und sah nun schon von weitem den trotz der frühen Stunde hell erleuchteten Container der Arbeitsagentur am Nobelpreisträger-für-Literatur-Günter-Grass-Platz.

Wer als Tagelöhner Arbeit suchte, musste hier vorsprechen und sich registrieren lassen. Mein Name befand sich längst in der Kartei, nun brauchte ich nur noch ein wenig Glück, um einen Job bei Gebhardt und Lonig zu ergattern. Aber eigentlich blieb mir keine Wahl: Ich war pleite und musste nehmen, was vorhanden war.

Links vom Containereingang wartete ein vorweihnachtlich geschmückter Tisch auf die Arbeitssuchenden. Dahinter fröstelte ein arktisch verpacktes Fräulein vor sich hin, ihre Wangen glühten rot, ihr Mund lächelte permafrostig. Über dem Ganzen hing ein von Lichterketten umsäumtes, an Stangen provisorisch befestigtes Transparent: „Leben wie die alten Römer! Werde Mitglied bei Hartz IV!“

Wenigstens gab es Kaffee, Tee und Glühwein, „wir haben auch billigen Schnaps da“, verriet das Fräulein – jetzt als Studentin zuverlässig zu identifizieren – „damit Ihnen die Entscheidung, Mitglied im Hartz-IV-Club zu werden, leichter fällt!“

Ich entschied mich für Kaffee und blätterte in den ausliegenden Broschüren. „Keine Mindestvertragsdauer! Keine Mindestabnahme von Staatsknete!“ Die Welt war schon verrückt, aber wir lebten im Kapitalismus, jeder konkurrierte mit jedem, die Arbeitsplatzbesitzer mit den Arbeitssuchenden, die Bezieher von Arbeitslosengeld I mit den Beziehern von Arbeitslosengeld II. Wer sich hier frühmorgens einfand, um einen miserabel bezahlten Job als Tagelöhner oder, wie es euphemistisch hieß, Eintagsfliege des Arbeitsmarktes anzunehmen, torpedierte die Anstrengungen der Gesellschaft, wohltätig gegenüber den Armen zu sein. Das wiederum gefährdete Arbeitsplätze bei den sogenannten ARGEN, die so hießen, weil sich deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter allmorgendlich mit dem Wortspiel aufheiterten, ohne die ARGEN läge vieles im Argen. Sie waren hinter neuen Mitgliedern her wie jeder hundsgewöhnliche Sportverein oder Buchclub, sie fischten nach armen Seelen, an denen sich dann die Großpolitiker und die allgegenwärtige Leistungsträgerschaft abarbeiten konnten. Wie sagte doch einmal ein großer Denker? Ohne die armen Schweine kein Saustall, ohne Saustall keiner, der den Saustall ausmisten kann, ohne jemanden, der den Saustall ausmistet, keine politische Partei, ohne politische Partei keine Demokratie. Ich trank meinen Kaffee aus und nahm an, dass der Satz von mir stammte, aber nichtsdestotrotz richtig war.

„Entscheiden Sie in aller Ruhe, ob Sie Mitglied werden wollen“, empfahl das fröstelnde Fräulein und ratterte die ihr eingebläuten Argumente pro Hartz IV herunter. „die Lizenz, Ehefrau und Nachkommenschaft zu verprügeln, freier Zugang zum Alkoholikerstatus, ein Ehrenplatz an Tafeln und in Suppenküchen, ein befriedigendes finanzielles Auskommen bei hinreichendem Talent zum Sozialbetrug…“

„Danke“, unterbrach ich sie, „aber heute habe ich leider noch etwas anderes vor. Ich komme auf ihr Angebot gewiss zurück.“

Sie lächelte mich dankbar an, vollführte einen putzigen Wärmtanz und drückte mir zum Abschied sieben Broschüren in die Hand. Ich nahm sie und verstaute sie in meiner Jacke, nickte noch einmal und stieg die vier Stufen zum Container hoch.

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