10.12.2010 -19-

Der erste Wecker rappelte um halb Fünf. Ich tötete ihn. Gegen Viertel von Fünf verwickelte mich der zweite in eine fruchtlose Diskussion über das Aufstehen. Ich tötete auch ihn. Punkt Fünf schlug die nahe Kirchturmuhr. Ich wollte sie töten, aber sie war zu weit weg und zu groß. Ich wartete auf den dritten Wecker. Irgend wann fiel mir ein, dass ich keinen besaß und stand auf.

Zur S-Bahnhaltestelle. Die Kälte war skandalös, Autos krochen auf vereisten Fahrbahnen, Menschen dampften aus Mündern wie altertümliche Loks. Aus einem für immer zu den Mysterien zählenden Grund kam die Linie 26 zum Industriegebiet pünktlich und ich stieg ein. Setzte mich zwei Herren gegenüber, sie pressten ihre Aktentaschen gegen die Unterleiber, Anzüge knitterten, Schlipse erlitten lebensgefährliche Quetschungen.

„Fährst du 2022 auch zur Fußballweltmeisterschaft nach Katar?“

Der Gefragte überlegte eine Weile

„Nee. Da bin ich zum Skifahren in der Karibik.“

„Ach so.“

Der Wagen bremste elegant ab, ein Punkmädchen ohne Schäferhund stieg ein, zog den Rotz hoch und zündete sich eine Zigarette an.

„Ja, Scheiße“, setzte nun der eine der beiden mir gegenüber das Gespräch fort, „und soll ich dir mal was sagen? In Katar leben Moslems.“

„Hm“, machte der andere, „Moslems“ wiederholte der eine.

„Wenn du das sagst. Dann ist ja alles klar. Moslems.“

„Eben“, wurde bestätigt.

Das Punkmädchen trat die Kippe aus, kickte sie unter einer Sitz, kollerte ein Bällchen Spucke hinterher. Sie hatte große Löcher in den Jeans, man sah ihre bleiche Haut. Mutig, dachte ich, zu meiner Zeit hockten die Punks in den Lounges, hörten Die Toten Hosen und passten auf, dass keine Löcher reinkamen.

„Die haben halt das Geld“, wurde weitererzählt. „Die Moslems, meine ich.“

„Genau. Öl. Und wir bezahlen das alles. Fußball in der Wüste.“

Sie grinsten in meine Richtung, ich zog mich tiefer in meinen Anorak zurück. War ich nicht vorhin an einem Zeitungskiosk vorbeigelaufen, von dem mir die Schlagzeile „Sozialstudie: Bürgertum verroht immer mehr“ entgegengesprungen war? Ich hatte mich mit einem kühnen Sprung zur Seite der Wirklichkeit entzogen, nicht ahnend, dass sie mir nun für 4 Haltestellen gegenüber sitzen würde.

„Wahrscheinlich müssen alle Spieler mit Kopftuch antreten“, mutmaßte der Eine. Der andere nickte.

„Und wahrscheinlich findet die WM während des Ramadan statt und unsere Jungs dürfen nur Nachts ihre Spaghetti mampfen.“

Das Punkmädchen kratzte sich im Schritt und ließ es aussehen wie Masturbation. Ein mächtiger Furz untermalte den Akt akustisch.

„Und die WM 2018 findet in Russland statt.“

„Genau. Als ob es dort noch Russen gäbe. Die sind doch alle hier.“

„Fährst du morgen nach Stuttgart zur Demo?“

„Nö, ich hab Beckenbodengymnastik und dann Vollkorngruppe in der VHS.“

„Schade.“

Gleich würden wir das Industriegebiet erreicht haben und ich war bereit, an Gott zu glauben, um ihm dafür danken zu können. Wieder bremste der Wagen ab, ich stand auf, stellte mich hinter das Punkmädchen, das ebenfalls aussteigen wollte.

„Wenn du mir aufn Arsch haust, Alter, reiß ich dir den Sack ab“, murmelte sie, drehte sich aber nicht um. Also verkniff ich mir den morgendlichen Sex und trat einen Schritt zurück.

 

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Eine Antwort zu 10.12.2010 -19-

  1. die federfrau schreibt:

    dieser aktuelle bezug…..

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