09.12.2010 -18-

Der Sonntag war ein Sonntag. Ich verließ das Bett nur zu Zwecken des Im- und Exports, was mich an den Montag denken machte, ein unwillkommener Umstand, denn an Sonntagen verdrängte ich nicht nur die Niederlagen der vergangenen Woche, ich versuchte auch, die der folgenden gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen. Ich bin sicher, so praktiziert es auch die Bundeskanzlerin. Sie liegt im Bett und überlegt sich, ob sie das Wort Klimawandel schon mal gehört haben könnte oder vielleicht doch in Zukunft besser nicht hören sollte.

Draußen lag Schnee. Ich hasse Schnee. Ich hasse auch Dosenravioli. Jetzt saß ich aufrecht im Bett, gabelte Dosenravioli und sah aus dem Fenster auf nichts als Schnee, Schnee, Schnee. Es hatte Sonntage gegeben, an denen es mir deutlich besser gegangen war, Sonntage mit Dosenravioli und Dauerregen.

Ich las ein Buch, einen recht lustigen Krimi, in dem der Komiker Groucho Marx den mysteriösen Tod eines Starletts aufklärt. Wir waren ja nun quasi Kollegen, Marx der bessere Komiker, aber dafür weilte ich noch unter den Lebenden. Das Buch hatte ich mich direkt vom Verleger mit der Lüge erschwindelt, ich sei ein Krimigroßkritiker. Auch das war ein Teil der Strategie, meine Ernährungssituation zu stabilisieren. Ich ließ mir sogenannte Besprechungsexemplare schicken, besprach selbstverständlich nichts und niemanden, verkaufte die Bücher in modernen Antiquariaten und schleppte den kärglichen Erlös umgehend zum Discounter. Das machen alle Krimikritiker und es wundert mich seit Jahren, dass die Verleger keinen Wind davon bekommen.

So dämmerte ich in meiner Matratzengruft vor mich hin. Groucho war soeben auf ein Kasinoschiff entführt worden, überhaupt war bei ihm immer mächtig was los. Er tändelte mit den schönsten Frauen von Hollywood (die inzwischen auch schon alle tot waren, tröstete ich mich), während ich bestenfalls mit zickigen Wirtinnen ältlicher Gasthäuser verkehrte, aber immerhin würde ich morgen der bundesdeutschen Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts einen Besuch abstatten, was mich in den Augen von Hammett und Chandler deutlich heben dürfte. Aber genug von diesem Firlefanz. Ich klappte das Buch zu, seufzte in den einsetzenden Schneefall, lauschte dem Wind, der an meinem undichten Fenster rüttelte, kuschelte mich in die Steppdecke, bis mich der Import der Dosenravioli zum schleunigen Export zwang, womit ich wieder beim Montag war, an den ich nicht denken mochte, aber pausenlos dachte. Aufstehen und auch diese unbezahlte Arbeit erledigen.

Dann wurde es endlich dunkel. Kein Telefonanruf hatte meine Kontemplation gestört, selbst meiner Klientin schien die Sonntagsruhe heilig. In der Küche betrachtete ich den nun leeren Stuhl, auf dem sie gestern gesessen hatte. Was wusste ich von Sonja Weber? Nicht viel, eigentlich gar nichts. Sie hatte möglicherweise einen Geliebten namens Lothar, der beschattet wurde, und zwar nicht nur von mir. Gleich gegenüber wirkte eine gewisse Helga oder Monika in ihrer Kneipe und war Sonjas Nebenbuhlerin. Auch das nur möglicherweise. Und über allem schwebte Georg Weber, das heißt, er schwebte nicht, er war ja verschwunden. Ich nahm das Buch zur Hand und las ein paar Kapitel. Groucho Marx ging mir allmählich auf den Keks. Er überlebte schlichtweg alles, er hatte unverschämtes Glück und noch unverschämtere Eingebungen. Ich würde mir fortan von den Verlegern anspruchsvollere Bücher erschwindeln, das war ich meiner Berufsehre schuldig. Ich klappte das Buch abermals zu. Freute mich auf das Abendessen, den Rest der Dosenravioli. Der Schneefall hatte sich eine Auszeit genommen. Ich stand auf, schlurfte in die Küche, sah wieder den leeren Stuhl, lauschte auf das Telefon, das Telefon blieb stumm. Kurzum: Dieser Sonntag tat gut daran, das zu tun, was ein braver Sonntag immer tun sollte: sich schleunigst verpissen.

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3 Antworten zu 09.12.2010 -18-

  1. die Federfrau schreibt:

    es sollte mal jemand mit ihm schlitten fahren….

  2. Leanne schreibt:

    irgendwie hat er´s ja mit dem Schnee. Auch in Faketown friert es gewaltig.

  3. die federfrau schreibt:

    gibt es irgendwelche untersuchungen über die verbindung von kälte und kreativität?

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