08.12.2010 -17-

Unser kleiner Rundgang durch die Stadt endete in einer Straße mit dem imposanten Namen „Dr-Rüdiger-von-Seckendorff-Allee“, an der sich Häuser der Gründerzeit anachronistisch in den Schneehimmel reckten. Dies jedenfalls entnahm ich der Infotafel am Straßenschild, „einzig erhaltenes Gründerzeitensemble unserer Stadt“, und fragte mich unwillkürlich, was denn hier gegründet worden war. Vielleicht ein Verein zur Förderung elend langer Straßennamen unter Betonung falscher Tatsachen, denn es gab keinen einzigen Baum in dieser Allee und es sah nicht so aus, als hätte es jemals einen gegeben.

Lothar verschwand in einem Hauseingang und gleich darauf wurde das Flurlicht angeknipst. Ich hatte vor, lässig vorbeizuschlendern, mir eine zu drehen und zu warten, bis auch das Licht in einer der Wohnungen aufleuchten würde. Ein Blick auf das Klingelbrett und schon weiß ich, wo Lothar wohnt und wie er mit Nachnamen heißt. All das hätte ich zweifellos getan, wäre nicht mein Blick auf einen am gegenüberliegenden Bürgersteig geparkten Wagen gefallen, hinter dessen schneebedeckten Fensterscheiben für eine Sekunde ein Feuerzeug angeknipst worden war.

Vielleicht hatte ich mich getäuscht. Nicht was das Aufflackern des Feuerzeugs betraf – in solchen Dingen irre ich mich nie – wohl aber über meine sofort assoziierenden Gedanken, die einen Mann imaginierten, der im von der Standheizung hinreichend erwärmten Inneren des Wagens auf Lothar gewartet hatte. Unsinn. Mochte sein, dass dort ein Berufskollege von mir in einem anderen Fall tätig war, außereheliche Aktivitäten zum Beispiel. Er schlug sich die Nacht um die Ohren, während in einer der Wohnungen jener berühmten Dr-Rüdiger-von-Seckendorff-Allee ein untreuer Ehemann auf einer 24jährigen lag und pausenlos an eine 42jährige dachte, die keinesfalls ein langes blondes Haar auf seiner Jacke finden durfte. Und war das nicht überhaupt des Rätsels Lösung? Lothar und Sonja Weber hatten ein Verhältnis, die Geliebte schaut ihrem Liebhaber beim Verlassen des Hauses traurig nach, dieser wechselt die Straßenseite, um in der „Bauernschenke“ bei der Co-Geliebten Helga gut Wetter zu machen, was ihm aber nicht nur in Anbetracht der Witterungsverhältnisse gehörig in die Hose, das heißt genau da hinein eben nicht geht – und ich Idiot vergeudete die Hitze meiner teuer bezahlten Glühweine an eine sinnlose Verfolgung.

Ich wechselte die Straßenseite, sah über die Schulter zu dem Haus hin, in dem Lothar verschwunden war, im 4. Stockwerk war Licht gemacht worden. Das merkte ich mir. Das Auto stand noch immer da, nichts tat sich. Jemand mochte gerade fluchen und rauchen, um dann zu rauchen und zu fluchen, das Nummernschild war nicht zu erkennen, ein dunkelblauer Fiat, so schien es mir, aber ich war schon zu weit entfernt, um etwas Genaues erkennen zu können.

Endlich – es ging auf Mitternacht zu – daheim. Ich zog mich aus, nahm eine heiße Dusche, setzte mich in Pullover und dicker Hose an den Ofen, schaltete den Fernseher an und informierte mich über den „Wintereinbruch in Deutschland“, was ich mir hätte sparen können, denn ich war ja dabei gewesen. Ein Glas Dosenwurst ging den Weg aller Dosenwurst, durch die Kälte meines Körpers nämlich, die auf jenen Fraß pfiff und nicht daran dachte, die Kurve zu kratzen. Ich suchte die ganze Wohnung nach Alkohol ab, fand keinen. Betrachtete ziemlich unbeteiligt einen Boxkampf, der in Runde 2 durch einen Magenschwinger beendet wurde. Geriet in eine Talkshow mit Heiner Geißler, mit wem auch sonst. Erfuhr, die Fußballweltmeisterschaft 2022 finde in Katar statt. Nahm mir vor, die Wahrscheinlichkeit der Existenz eines Staates mit diesem Namen zu überprüfen. Warf mich sodann ächzend in meinen Schlafanzug und unter die Bettdecke, zitterte eine Weile vor mich hin, dachte noch mal an diesen merkwürdigen Tag, träumte dann von ihm, erwachte und ging aufs Klo, denn die fünf genossenen Glühwein hatten genug von Moritz Klein und wollten ihn schleunigst verlassen. Ich verstand das. Ich beneidete sie um diese Möglichkeit.

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