07.12.2010 -16-

Ich hielt mich sichere 20 Meter hinter Lothar, der den Weg in die Fußgängerzone eingeschlagen hatte und keine Anstalten machte, sich nach möglichen Verfolgern umzuschauen. Zentimeterhoch lag der Schnee auf den Bürgersteigen, meine Halbschuhe versanken in Nässe und eisiger Kälte, wacker kämpften fünf Glas Glühwein, die sich in meinen Füßen abgelagert zu haben schienen, gegen die Unbillen der Witterung, doch mit jedem Schritt verloren sie an Terrain. Der Frost umzingelte auch meinen Kopf und schickte erste Vorauskommandos durch sämtliche Öffnungen, die Avantgarde kämpfte sich körperabwärts und würde sich in wenigen Minuten auf Höhe meiner Hüften mit der Soldateska von der Fußfront vereinen. Diesen Zweifrontenkrieg konnte ich nur verlieren, aber es tröstete mich, dass es Lothar nicht besser ergehen würde.

In der Fußgängerzone herrschte das, was man samstäglichen Spätabendsbetrieb nannte, also ziemlich tote Hose. Zwei Jugendliche mit Migrationshintergrund waren an einer Laterne hochgeklettert und gerade dabei, eine über die Straße gespannte weihnachtliche Lichterkette aus der Verankerung zu lösen, angespornt von vier Personen ihresgleichen, die sich ob dieser gelungenen Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft aus vollen Kehlen freuten. Ich war gerührt. Lothar ging achtlos an diesem gelungenen Beispiel von Teilhabe an christlicher Weihnacht vorbei, selbst aus dieser Entfernung war mir, als hörte ich ihn grübeln. Er hatte das Kinn auf die Brust gesetzt und schlug sich barhäuptig durch die Widrigkeiten der Witterung, überquerte den Marktplatz, wich engumschlungenen Pärchen, streunenden Hunden, wartenden Zuhältern und einer Gruppe älterer Herren aus, die in einer Schneeballschlacht Stalingrad nachspielten. Diesmal sollte der Russe nicht gewinnen. Ich erinnerte mich, dass man in der Bundeswehr jetzt auch eine Gefechtsmedaille bekommen konnte, formschön am Band, machte sich als Sargschmuck immer gut. So dachte ich vor mich hin, während ich Lothar folgte, ohne zu wissen warum. Aber ist das nicht immer so? Wer jemandem folgt, weiß nie warum, jedenfalls später nicht, wenn die Scheiße endgültig dampft. Womit ich wieder bei Stalingrad und Orden war.

Aber vor allem bei der Leitfrage meines Daseins: Was machte ich da gerade? Hatte es einen Sinn und Zweck? Konnte doch sein, dass dieser Lothar im Haus der Webers wohnte und Sonja rein zufällig aus dem Fenster geschaut hatte, um den Flug der Flocken mit melancholischem Blick still zu begleiten. Lothar geht noch einen trinken, hofft auf einen Beischlaf mit Monika, erhält eine Abfuhr und beschließt, die dringend notwendige Entladung in einem bordellähnlichen Betrieb mit professioneller Unterstützung vorzunehmen. Und tatsächlich näherte er sich dem Rotlichtbezirk, der aus zwei gegenüberliegenden Häusern bestand, vor denen aber witterungsbedingt nicht das Fleisch paradierte und darauf wartete, einer der beiden soeben näherkommenden Schneemänner unterbreite ihm ein unmoralisches Angebot.

Lothar wurde langsamer, blieb aber nicht stehen. Ein Fenster öffnete sich, ein blonder Kopf streckte sich heraus, etwas wurde gesprochen, doch Lothar ging weiter, wurde schneller. So passierten wir den Ort der Sünde, ohne uns zusätzliche drei Monate Fegefeuer einzuhandeln.

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2 Antworten zu 07.12.2010 -16-

  1. Anja Helmers schreibt:

    Gönn dem Moritz doch mal ein paar warme Winterstiefel bei dem Schietwetter.
    Nicht dass der arme Jung‘ sich noch erkältet.
    Und Jugendliche mit Migrationshintergrund, die machen noch viel schlimmere Sachen, die klettern sogar nächtens heimlich auf Baukräne.

  2. Bio schreibt:

    Lieber dpr,
    dein Projekt gefällt mir bisher gut. Habe gerade mal die letzten Tage nachgelesen. Es jeden Tag zu verfolgen, dazu fehlt mir oft die Zeit. Ich hoffe, du hälst den Wahnsinn 😉 durch. *diraufmunterndaufdieschulterklopf* Stärkung ist unterwegs, wie ich dir an anderer Stelle schrieb.
    So long!
    Bio

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