06.12.2010 -15-

Fünf Glühwein hatte das Wetter gebraucht, um Winter auf die Stadt zu schneien. Der Schnee tat, wozu ihn Weihnachtslieder verpflichteten, er rieselte leise und irgendwo ruhte still und starr ein See, auf dessen Grund ich für einen Augenblick Georg Weber unauffindbar vermutete – aber nein. Du bist besoffen, Moritz, du siehst Gespenster, und ich sah sie ja tatsächlich: eine alte Dame im Kaninchenpelz, die im Sitzen über einem leeren Eierlikörglas eingeschlafen war, sowie drei lästernde Greise mit Gesichtern wie nordafrikanische Faltengebirge.

Lothar rüstete zum Aufbruch. Vier Malzbier hatte er düster gekippt, mit einem Streichholz seine Zähne nach Resten der verzehrten Wurstbrote durchmustert, von der Wirtin Helga wort- und lieblos bedient. Jetzt kramte er nach dem Geldbeutel. Ich tat es ihm nach, schüttete generös den Inhalt meiner Börse auf den Tisch, lustig schepperte das Gemünz und weckte Madame Eierlikör. „Geh heim, Irmi“, riet der Glatzkopf, „hier findest keinen mehr, der dir das Karnickel macht.“ Ich grinste ob der naheliegenden Assoziation, der Glatzkopf nickte mit demselben in meine Richtung. Wir waren soeben Freunde fürs Leben geworden.

Ich trat ins Freie, in den Frost, in den lebhaften Wind, die Welt war eine gigantische Waschmaschine für Schneeflocken, Autos und Menschen, bei Sonja Weber brannte noch Licht. Eine Zigarette wurde gedreht, was nicht einfach war, denn nach fünf Glühwein drehte sich auch einiges um mich. Schwankend lief ich auf und ab, inhalierte den Rauch, exhalierte so manch dunklen Gedanken an Georg Weber, der vielleicht wirklich schon tot war, und zwischendurch betrachtete ich die Profile der Autoreifen. Winterreifenpflicht. Statt Wehrpflicht, nahm ich an.

Ein Dackel zog sein widerspenstiges Herrchen übers Trottoir, stoppte an meinem linken Bein und überlegte, das seinige an diesem mobilen Baum zu heben. „Pfui“, machte Herrchen, „Pfui“ machte ich, „fuck you“, dachte der Dackel. „Wilfried ist durch den Schnee irritiert“, erklärte der Mann, „und was machen Sie da?“ Ich? Ja, genau, was machte ich da? Ich sah mir Reifenprofile an und wartete darauf, Lothar möge die Kneipe verlassen, auf dass ich ihm folgen könne. Keine Ahnung, zu was das gut sein sollte.

„Ich sehe doch, dass Sie die Reifenprofile kontrollieren. Sind Sie von der Stadt? Geben Sie Knöllchen? Gut so!“

Wilfried hatte es sich inzwischen anders überlegt und fand diesen behosten Baum so gar nicht mehr verlockend. „Nein“, sagte ich, „ich kontrolliere die Schuhprofile der Passanten, denn wie Sie sicherlich wissen, werden in Paragraph 17b Absatz 3 des Reifenprofilermächtigungsgesetzes auch Fußgänger dazu verpflichtet, witterungsadäquates Schuhwerk zu tragen.“

Das Wort „witterungsadäquat“ war dem Herrchen Ausweis meiner offiziellen Stellung genug. Unaufgefordert hob er die Füße und streckte mir seine Schuhprofile entgegen, sie waren tadellos.

„Und der Dackel?“ fragte ich. Herrchen war irritiert. „Ich zahle Hundesteuer!“ argumentierte er schwach, „Autofahrer zahlen KFZ-Steuer und müssen trotzdem…“ argumentierte ich stark und gnadenlos zurück. „Das ist doch…“ Herrchen hob an zur allgemeinen Entrüstung, gleich würde er „Fass!“ sagen und Wilfried sich wünschen, niemals als Dackel geboren zu sein. „Ich drück noch mal ein Auge zu“, sagte ich und drehte mich um. Denn die Tür der „Bauernschenke“ hatte einen Laut von sich gegeben und tatsächlich trat Lothar heraus, wandte sich nach rechts und schritt stadteinwärts.

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