02.12.2010 -11-

Der Internetauftritt von Gebhardt und Lonig war jämmerlich. Auf der einzigen Seite, die sich drei Minuten lang ächzend lud, prangte die Fotografie des Firmengebäudes, ein langgestreckter Flachbau aus vorgefertigten Blechteilen, darunter Firmenname und –anschrift, sowie die Angabe, Frau Lydia Gebhardt übernehme als Geschäftsführerin alle Verantwortung für diese Seite, nicht aber für fremde Inhalte, von denen indes keine zu sehen waren. Ganz klein in der unteren linken Ecke: „Jobs! Wir haben immer Bedarf an Hilfskräften, nur mit Lohnsteuerkarte.“ Das gefiel mir gut. Zwei Fliegen mit einer Klappe, dachte ich und merkte mir die Adresse.

Dann kam auch schon Jonas mit dem Kuchen zurück. Er hatte sich beeilt und keuchte, inspizierte sofort das Schlafzimmer nach verdächtigen Spuren soeben erledigter Sexualarbeit, fand keine und maulte enttäuscht, nichts sei uncooler als fremde Onkels, die keinen hoch kriegen. Es gab Sandkuchen von gestern, den mochte Jonas zum halben Preis erstanden und das ersparte Geld für aufregende Stunden in der Spielhalle zurückbehalten haben. Wir saßen am Tisch und wässerten den Sandkuchen, denn Hermines Kaffee ist wegen seiner sparsamen Verwendung von Kaffeepulver berüchtigt.

Aus irgend einem Grund dachte ich ein knappes Jahr zurück an die historische Begegnung an der Supermarktkasse. Was war wohl aus dem Rentner mit dem Baguette geworden? „Was hast du eigentlich dem Rentner mit dem Baguette gesagt? Du weißt schon.“

„Bei mir stehen viele Rentner mit Baguettes an“, antwortete Hermine, „und ich sage allen das gleiche: Haben Sie es eigentlich nötig, mit einem überdimensionierten Penissymbol durch den Supermarkt zu latschen?“

Jonas grinste, ein halbes Stück Sandkuchen bröselte aus seinem Maul haarscharf am Teller vorbei auf den Fußboden. „Der da“ – er wies auf mich – „könnt mit nem sauren Drops durchn Supermarkt latschen und wär für ihn immer nochn überdimensionierter Pimmel.“

Ein leichter mütterlicher Klaps gegen den Hinterkopf war die Ernte, die Jonas einfuhr, seine Fensterglasbrille rutschte ein wenig nach vorne, die beiden Hirnzellen karambolierten wie beim Billard, es machte einmal „klack“. „Du bist ein anständiger Junge“, log seine Mutter, „wo hast du nur die Schweinereien her. Besorg dir endlich eine Freundin und reagier dich ab wie jeder normale 15jährige.“

„Oder schleich dich nach Gorleben und schottere ein wenig“, riet ich, was mir einen Stinkefinger und die Entgegnung einbrachte, von einem Typen, der keinen hoch bekäme, müsse sich ein Jonas überhaupt nix sagen lassen. Die Gesprächspalette des Jungen war ohne Zweifel monothematisch, seine Phantasiewelt ein Friedhof aus wie Pilze aus dem Boden wachsenden Peniden und dazwischen rollenden Ein-Euro-Stücken. Sex und Geld, Sex und Geld, wie es in einem Song der Band Ideal heißt.

„Ich guck jetzt Sportschau“, tat Jonas kund, „Schalke putzt heute Kaiserslautern 5 zu 0 oder so, aber ich mach den Ton aus, damit ich höre, wenn ihrs miteinander treibt.“ Wir lachten und sagten, das könne er beruhigt tun, wir seien deutsche Meister im lautlosen Vögeln.

Als sich Jonas getrollt hatte, kam Hermine um den Tisch und setzte sich auf meinen Schoß. „Wenn ich innerhalb der nächsten zwei Minuten nicht mindestens zwanzig Zentimeter höher sitze, angel ich mir den nächstbesten Rentner mit einem Baguette“, kündigte sie an.

„Das kann ich dem armen Mann nicht antun“, sagte ich und dachte vorfreudig an die zwanzig Euromünzen in meinem Portemonnaie.

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