01.12.2010 -10-

Hermine tippte „Danke für den erotischen Nachmittag“ ins Chatfenster und schloss es. „Und keine Pornos gucken!“ warnte sie mich, stand auf, „Kaffee kochen“. Ich versprach es ihr unter Hinweis auf meine aktuelle Lustlosigkeit.

Das Internet ist nicht mein Ding. Wenn ich mich mit anderen langweilen möchte, gehe ich in die Kneipe. Steht mir der Sinn nach Unterhaltung, kann ich zwischen der rechten und der linken Wand meines Schlafzimmers wählen, zwischen der lautstarken Matratzengymnastik eines jungverheirateten Paares und den Dialogen eines altgedienten vor dem Fernseher. Nein, ich nutze das Internet nur beruflich, also notgedrungen, wenn der Umfang meiner Barschaft in den kritischen zweistelligen Bereich sinkt. Dann durchsuche ich die Stellenanzeigen, ich bin vielseitig begabt und flexibel, verfüge über hohe Teamfähigkeit und ausreichend Routine beim Durchqueren von Darmtunneln, gebe zwölfjährigen Rotznasen mit pädagogischer Inbrunst Englischnachhilfe oder sortiere in einer stinkenden Halle Müll. Mein Blut zirkuliert in den Adern von schätzungsweise 5.000 Personen, die haben etwa 10.000 Handgelenke, um die wenigstens 500 Uhren befestigt sind, auf denen „Rolex“ steht, aber ostasiatischer Schrott drin ist und die ich bisweilen auf Jahrmärkten und in den dunklen Ecken noch dunklerer Gastwirtschaften verticke. Bei Bedarf halte ich auch Vorträge über die Ethik der Moderne im Spiegel der Vergangenheit (wird selten nachgefragt) oder über die 99 Möglichkeiten, einen Orgasmus hinauszuzögern, wenn die Frau nebenbei noch dringend einen Schal zu Ende stricken muss. Bei Feinkost Dürringer in der Wagnerstraße lasse ich in Fällen akutesten Geldmangels gerne „12 Wachteleier in Lachsaspik“ diskret mitgehen, weil mein Freund, der Dichter Marxer, sich von deren Verzehr eine Steigerung seiner literarischen Potenz und mehr lyrische Adjektive erhofft. Das bringt einen schnellen Fünfziger, denn der reguläre Preis von 99,99 ist ihm zu hoch, so viel ist ihm der Nobelpreis nun doch nicht wert.

Hermine werkelte in der Küche, Geschirr klapperte, Jonas nölte. Ich inspizierte für zwei Minuten meinen Lieblingsporno „Hengstparade“ (ohne Ton), wollte meine Mails abrufen, hatte aber das Passwort vergessen und wollte kein neues, denn wer sollte mir schon schreiben. Schade, dass Hermine schon den Chat mit Geilo1995 geschlossen hatte. Man hätte das Gespräch weiterführen und Geilo1995 an den Rand der Impotenz bringen können.

Die Wohnungstür ging auf und zu, dazwischen lag ein „Dass ihr mir nicht bumst, wenn ich nicht da bin“ von Jonas und ein fröhliches „Hol endlich Kuchen, heut läuft nichts“ seiner Mutter. Ich fühlte mich gut. Kostenloses Internet, kostenlosen Kaffee, kostenlosen Kuchen, kein Sexzwang. Jonas würde an seinem Laptop zocken und mir den Anblick seiner juvenilen Existenz ersparen, Hermine mir wenigstens ihre Auslagen zeigen, ich selbst konnte einen Job finden und ein wenig über jene merkwürdige Im- und Exportfirma erfahren, bei der die Arbeitsleistung ihres Angestellten Georg Weber nicht vermisst wurde. Erst einmal bei Facebook schauen. Es gab dort zahllose Georg Webers und ich nahm mir vor, nur noch Personen mit dem Namen Al-Kheida Rosenstock zu suchen.

„++++++promissvorschlag zu Stuttgart 21: Schienen oberirdisch, großzügige Toilettenanlagen unterirdisch. Geißlers Kompromissvorschl+++++++“

Ich klickte den Ticker weg und setzte meine Recherchen fort.

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