30.11.2010 -9-

„Soll ich mir meine Haare abschneiden und einen Bubikopf machen lassen?“ Hermines Frage traf mich unvermittelt und stürzte meinen Stoffwechsel in ein sofortiges Chaos. So musste es dem SPD-Vorsitzenden ergehen, wenn man ihn zu einem intimen Abendessen mit Oskar Lafontaine einlud. Hermine saß vor ihrem Computer, ein knisterndes Feuer aus roten Haaren verdeckte den Bildschirm, die Rechte lag auf der Maus und streichelte das beneidenswerte Tier. Ich stöhnte auf und hauchte „Mein Gott!“. „Göttin, bitte“, korrigierte Hermine und drehte sich zu mir um.

„Du bist nicht Nordkorea und ich nicht Südkorea“, gab ich angesichts der Weltenlage zu bedenken, „also droh mir nicht.“ Und drohte meinerseits: „Wenn du dir die Haare abschneiden lässt, lasse ich mir was anderes abschneiden.“

Hermine drückte ihre 1,62 an meine 1,84, ihre 55 Kilo an meine 90 – nein, korrigiere, meine 90 Kilo und 50 Gramm, Tendenz steigend

„Dann ernenne ich dich zu meinem offiziellen Dildobeauftragten und das Problem ist gelöst. Jedenfalls für mich“, stellte sie fest und gab mir einen Kuss auf den Hals.

Wir redeten immer so. Hatten es schon getan, als ich zum erstenmal meinen Vollkorntoast auf das Laufband an der Kasse legte, hinter der Hermine Waren einscannte, „57,83“ sagte und „Plastiktüte kostet 10 Cent extra.“ Den Toast kommentierte sie mit „Essen Sie immer so schlappes Zeug?“, und ich antwortete: „Wenn ich ihm richtig einheize, knistert er zwischen den Zähnen und ist gar nicht mehr so trocken.“

Sie lachte und sagte: „Ich mags, wenn er gut gebuttert ist und das Zeug aus allen Poren quillt.“ Ich erinnere mich, dass hinter mir ein Rentner mit einem Baguette unterm Arm stand. Was Hermine ihm wohl sagen würde? Jedenfalls war mir klar, dass sie mich soeben zu Intimitäten eingeladen hatte, mich, einen völlig Fremden, sie, eine Zierde der Vierzigjährigen, und ich fragte, wann sie Feierabend habe. Sie antwortete „Um 6“ und fügte neckisch hinzu: „Mein Sohn geht gerne in den Spielsalon. Soll ich Ihnen einen 20-Euro-Schein in Ein-Euro-Münzen wechseln?“

Der Rest ist Geschichte. Ich stand Punkt 6 vor dem Discounter, wir gingen zu ihr, 20 Ein-Euro-Stücke wechselten den Besitzer. Wir machten uns über den Vollkorntoast her. So lange, bis der Spielsalon Jonas gegen Mitternacht ausspuckte und aus dem Walfisch eine Forelle geworden war.

Jetzt drückte sich Hermine noch immer an mich. Sie wartete. Ich schaute über ihre Schulter zum Bildschirm, Hermine chattete als „Wetlady_40“.

Geilo1955: Du Luder

Wetlady_40: Du Hengst

Geilo1955: Uh ah!

Wetlady_40: Keuch.

Geilo1955: Ich komme

Wetlady_40: Supi

Geilo1955: Ja

Wetlady: Schön

Geilo1955: Moment ich muss mal pinkeln

So war Hermine und ich liebte sie dafür. Jedenfalls wenn ich bei ihr war.

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Eine Antwort zu 30.11.2010 -9-

  1. Anja Helmers schreibt:

    Ich mag Hermine!
    Durch was für Kleinigkeiten der Stoffwechsel von Moritz Klein schon durcheinander gerät.

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