29.11.2010 -8-

Es half alles nichts. Ich musste zum Discounter einkaufen. Natürlich würde ich zu ALDI gehen, denn mit etwas Glück säße dort Hermine hinter der Kasse. Hermine war das, was man ein Verhältnis nennt, sie hatte mich quasi im Vorübergehen entdeckt. Eine Frau mit hervorragender Menschenkenntnis also, die kein Wikileaks gebraucht hätte um festzustellen, dass unser Außenminister „wenig Substanz“ besitzt.

Sex, meine Damen und Herren, nichts weiter. Hermine wollte Sex, ich wollte Sex, das war handfester als jener „Liebe“ genannte Zustand, der unweigerlich mit dem Zusammenziehen endet. Was mir schon deshalb ein Greuel war, weil Hermine einen 15jährigen Sohn namens Jonas hatte (gab es überhaupt 15jährige, die NICHT Jonas hießen?) und mich allein der Gedanke, man könnte mich für den Erzeuger jener Kreatur halten, zutiefst schockierte.

Hermine hatte heute frei, wie mir ihre Kollegin, kaum war ich im ALDI, zuraunte. Das war schade, denn wer wies mich jetzt auf die versteckten Sonderangebote hin? Außerdem kam ich mit dem, was Intellektuelle „ein Anliegen“ nennen. Nein, ich war ausnahmsweise nicht notgeil. Doch ich besitze keinen Internetzugang, Hermine aber wohl, und ich hielt es für professionell, mich genauer über die Firma Gebhardt und Lonig, Im- und Export zu informieren. Also kaufte ich einen Stoffbeutel voller Waren einschließlich Tabak, stapfte den Weg zu meiner Wohnung zurück, betrachtete einen Moment lang die Stelle an der Wand, wo die Goldfolie mit dem schwarzen Prägedruck gehangen hatte, setzte mich, endlich daheim, einige Minuten still an den Küchentisch, rauchte und griff dann zum Telefon.

„Bender.“

„Ich bins.“

„Ach so. Du.“

„Ja.“

„Greif dir in den Schritt.“

„Hab ich.“

„Und?“

„Nichts.“

„Ok. Also keinen Sex. Internet.“

„Genau. Kann ich gleich vorbeikommen?“

„Ja. Jonas ist da. Er wird enttäuscht sein.“

„Hm. Ok. Bis dann.“

„Ja bis dann. Ich lass schon mal den Rechner vorglühen.“

Hermine wohnte etwas außerhalb. Ich sparte mir das Busgeld und ging zu Fuß. Trüber Nachmittag, es roch nach Badewasser und Bundesliga-Konferenzschaltung. Zwischendurch griff ich mir, wenn ich mich unbeobachtet fühlte, in den Schritt um zu prüfen, ob ich neben dem Internetzugang noch einen anderen wünschte, aber meine Samstage sind meistens frigide, ich weiß auch nicht, woran das liegt.

Jonas öffnete mir die Tür. Er steckte in zwei Säcken, einen nannte er Hose, den anderen Sweater. „Hallo“ sagte Jonas und rückte seine Fensterglasbrille zurecht. „10% mehr geile Tussen für Brillenträger“ – ich hasse die BRAVO und wie sie Jugendliche manipuliert.

„Sex oder Internet?“ fragte Jonas, als ich an ihm vorbei in die Wohnung schlüpfte, „Internet“ sagte ich knapp und innerlich feixend, denn das durfte Jonas nicht gefallen. Wenn Hermine und ich ins Bett gingen, ging Jonas in den nahen Spielsalon, wo man es mit dem Jugendschutz so genau nicht nahm, 20 Euro aus meinem Geldbeutel im Hosensack-Sack. Die Internetnutzung war kostenlos.

„Ach so“, sagte Jonas und klang tatsächlich enttäuscht. „Aber wenn du dich nachher nicht beherrschen kannst, bescheiß mich bloß nicht um meinen Zwanziger.“

Ich versprach es mit einem kurzen Nicken.

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