28.11.2010 -7-

Nachdem Sonja Weber gegangen war, blieb ich noch eine Weile am Küchentisch hocken und wartete. Ich gab ihr fünf Minuten, das nun fehlende Schild am Haus zu bemerken, zurückzukommen und zu fragen, was das denn zu bedeuten habe. Es klingelte nicht und ich fragte mich, ob das erfreulich oder bedauerlich sei.

Um ehrlich zu sein, blieb ich noch eine halbe Stunde am Tisch sitzen und rauchte, damit ich nicht nachdenken musste. Dann trank ich den Rest Kaffee, damit ich nicht ständig rauchen musste. Dann ging ich aufs Klo, damit ich den Kaffee wieder los wurde. Dann ging ich zurück in die Küche, setzte mich an den Tisch, rauchte bis der Tabak alle war und begann notgedrungen mit dem Denken.

Wenn ein Ehemann nicht nach Hause kommt, mag das verständlich sein, bei einem Junggesellen ist es entweder merkwürdig oder der Anfang einer Ehe. Männer, die „mal über Nacht“ wegblieben, waren nichts Besonderes, auch wenn die Nacht eine Woche dauerte. Aber Georg Weber hatte sogar sein Handy ausgeschaltet. Tat er das um ungestört zu sein, dann hätte ich die Frau, die ihn dazu gebracht hatte, gerne kennengelernt. Eine Frau, die ihr Handy freiwillig für einen Mann ausschaltete, konnte es nicht geben oder, falls wieder Erwarten doch, hatte sie es so nötig, dass ich sie gar nicht kennenlernen wollte. Komisch, dass Männer sofort chauvinistisch werden, wenn sie zu denken anfangen, dachte ich.

Was war zu tun? Warten. Georg Weber würde zurückkommen. Vielleicht um seine Sachen zu holen oder aus Erschöpfung oder ernüchtert oder nur, weil er sich daran erinnert hatte, einen Arbeitgeber zu haben. Der sich aber – und das war das Allermerkwürdigste – kaum für Weber zu interessieren schien. Sie hatten bei ihm angerufen, Weber hatte sich nicht gemeldet, und die Sache war erledigt. Andererseits: So konnte man einen unnützen Gehaltsempfänger auch loswerden. Dennoch: Der Gedanke, bei der Firma Gebhardt und Lohnig anzusetzen – Sonja Weber hatte mir die Adresse in den Block diktiert -, schien mir die beste Idee, zumal ich damit bis Montag würde warten müssen, was mir sehr zupass kam. Gebhardt und Lohnig residierten im Industriegebiet West und machten in „Im- und Export“. Eine Branche, bei der man sofort hellhörig wird, denn das klingt nach 123 Afghanen auf einem LKW versteckt oder LIDL-Computer für Libyen oder doch wenigstens von Halbwüchsigen mundgeblasene Pissbecher aus China.

Buchhalter sei ihr Bruder, erzählte Sonja Weber noch, und für etwas anderes hätte ich ihn auch nicht gehalten. Ich habe nichts gegen Buchhalter, aber ich mag sie halt nicht. Warum? Keine Ahnung. Aber ich ahne, dass es genügend Gründe dafür gibt. Und ich hatte eben viele Krimis gelesen, wusste, dass Buchhalter über Einblicke verfügten, die sie vielleicht besser nicht hätten, dass sie Versuchungen ausgesetzt waren wie sonst nur ein Banker. Ein paar Klicks und die Million verschwindet auf dem anonymen Nummernkonto, solche Sachen eben.

So fantasierte ich eine Zeitlang vor mich hin. Immer noch am Küchentisch, den ich nur verlassen hatte, um mir ein neues Päckchen Tabak zu holen, mein letztes. Ich würde also noch aus dem Haus müssen, ja, sowieso, essen musste ich auch. In meinem Geldbeutel befanden sich noch 50 Euro, auf meinem Konto erfahrungsgemäß noch weniger, und eigentlich hätte ich mir Gedanken machen sollen, wie ich die nächsten Wochen über die Runden käme, aber mir stand gerade nicht der Sinn danach, im Kreis zu fahren. Das überlasse ich Formel-1-Weltmeistern und kleinen Kindern auf dem Kettenkarussell.

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5 Antworten zu 28.11.2010 -7-

  1. M.A.D. schreibt:

    Stimmt! Ich glaube kein Mann macht für eine Frau sein Telefon freiwillig aus…

  2. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Hab ich jetzt nur vermutet, weil ich selbst noch nie ein Handy besessen habe.

  3. Mistie schreibt:

    … sei Dir ein langes Leben beschieden!

  4. Ingrida schreibt:

    hoffentlich geht Dir nie der Tobak aus – weiter so………….

  5. Anja Helmers schreibt:

    Ich hinke etwas hinterher, aber ich hole auf.

    Weiter so, dpr!
    Was, du hast kein Handy, oh, und ich dachte, ich wäre die einzige erwachsene Person, die so ein Ding nicht im Bestand hat.

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