27.11.2010 -6-

Die Frage war indiskret und schon während ich sie stellte, schämte ich mich dafür. Aber ich besaß die Macht, Sonja Weber indiskrete Fragen zu stellen, eine banale Folie hatte sie mir erteilt. Das steckte wahrscheinlich sowieso hinter der ganzen Geschichte: nicht Menschenliebe, nicht Langeweile oder sonst was, sondern Voyeurismus und ein bisschen Machtgeilheit, das übliche Quantum Allmachtsphantasie, wie es auch ein Sachbearbeiter der Arbeitsagentur brauchen mag, wenn er einem zusammengefalteten Bündel Elend gegenübersitzt, das sein Existenzminimum haben möchte. Ich frage, du antwortest. Du antwortest nicht, ich senke den Daumen. Das ist auch nicht anders wie beim Weltwährungsfonds, der die Iren nach getürkten Bilanzen fragt, oder eben bei mir, der ich Sonja Weber alles fragen kann, was ich will. Sie muss antworten. Vielleicht lügt sie, aber das ist ein Risiko. Slipfarbe, Intimrasur, Lieblingsstellung – ich begnügte mich damit, sie zu fragen, warum sie ihr Nest verlassen hatte und in die Stadt gekommen war, ich war nur ein moderates Schwein.

Sonja Weber mochte wissen, dass ich ein kleines Machtspielchen mit ihr veranstaltete. Verlierer ahnen die Niederlage im Voraus, kluge Verlierer quälen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zurück, und Sonja Weber war klug. Sie ließ mich in meiner Beschämung zappeln, schenkte sich seelenruhig neuen Kaffee ein, ihr Blick begleitete den Qualm meiner Zigarette auf seiner Reise fensterwärts, sie legte sich probeweise ein Lächeln aufs Gesicht und wischte es wieder weg, sah mir endlich in die Augen, einen lakonischen Satz lang.

„Ich habe innerhalb von drei Wochen meine Arbeit, meine Freund und meine Wohnung verloren.“

Eine Katastrophe in Schlagzeilen. Sonjas Gesicht wurde, als sie dem Satz nachlauschte, für Momente das einer alten Frau, aber sie wischte auch das weg. Stand auf, ging zum Fenster, schloss es. Auch ich erhob mich, ging zum Schrank, nahm Stift und Notizblock aus der linken Schublade, las das Gekritzel auf dem obersten Blatt – „Filtertüten gehen aus, neue besorgen“, riss es ab und steckte es in die Hosentasche. Irgendwie kamen wir uns auf den Rückweg zum Tisch in die Quere, Sonja und ich, wir berührten uns flüchtig, „Entschuldigung“ sagte Sonja, „aber nicht doch“, sagte ich, „in Kambodscha quetschen sich Hunderte von Menschen auch ohne Technobeat zu Tode, dagegen ist das gar nichts.“

Wie auch immer. Der Moment der Machtausübung war vorbei, es wurde Zeit, Professionalität zu heucheln. Hoffentlich hatte der Kugelschreiber nicht schon seinen Geist aufgegeben, die Filterpapiergeschichte lag, ich erinnerte mich, ein Jahr zurück und war natürlich vergessen worden. Aber er funktionierte nach einigem guten Zureden dann doch. Adresse des Bruders, Adresse des Arbeitgebers, der ein schlechter Arbeitgeber war und sich nicht sonderlich für seine Mitarbeiter zu interessieren schien, eine kurze Beschreibung des Vermissten – Georg Weber hätte auch George Weaver oder Georges Tisserand heißen können, so beliebig austauschbar war das alles – „haben Sie ein Foto Ihres Bruders dabei?“

Sonja Weber kramte in ihrer Handtasche und brachte eine Fotografie zum Vorschein, Bruder Georg braucht einen neuen Personalausweis und glotzt ins Objektiv, der Fotograf hat gerade „befeuchten Sie bitte Ihre Lippen und denken Sie an was Schönes“ gesagt, Georg Weber befeuchtete seine Lippen und dachte an die Brüste von Heidi Klum. So ungefähr.

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