26.11.2010 -5-

Es ist nun einmal so: Ich kann keine Menschen mit Geldsorgen sehen, ohne sofort wütend zu werden, deshalb schaue ich Morgens auch nicht in den Spiegel. Ok, um nicht wütend zu werden, dürfte ich das Haus niemals verlassen, keinen Fernseher, kein Radio einschalten, nicht im Internet surfen, nicht durch die dünne Wand zuhören, wenn in der Nebenwohnung wieder die Halbwüchsige quengelt, weil sie die Klamotten aus dem „Sozialkaufhaus“ nicht anziehen mag. Nein, ich bin nicht gerne wütend, es bringt nämlich nichts. Was soll man tun? Den Sozialismus ausrufen? Vergiss es. Bomben basteln? Dazu fehlt mir das Talent. Beim nächsten Charity-Empfang aufgespritzte Tussen mit Silikonbeuteln bewerfen? – Hm, mal drüber nachdenken.

Ich wurde also wütend, als Sonja Weber bei der Vorstellung an drei hinzublätternde Hunderter sekundenschnell zerwrackte, ihre Statik verlor und deformiert über der Kaffeetasse hing, so dass ich um deren Heil ernsthaft fürchten musste. Sollte ich behaupten, wir hätten ab Montag „Schnuppertage“ in der Detektivbranche und ich gewähre ihr den für diese Zeit vorgesehenen Rabatt von, sagen wir, 20, nein 30, nein 50 Prozent kulanterweise im voraus? Sie sah nicht so aus, als könne sie auch nur 150 bezahlen. Also sagte ich in meiner unendlichen Menschenfreundlichkeit:

„Das ist natürlich Erfolgshonorar. Wenn ich Ihren Bruder nicht finde respektive er von sich aus wieder auftaucht, berechne ich selbstverständlich nichts.“

Das brachte sie, ebenfalls in Sekundenschnelle, wieder in den Zustand stolzen Frauentums zurück. Ihr Oberkörper richtete sich auf, straffte sich, die gute Nachricht ritzte ein Lächeln in Sonjas Gesicht, sie sagte: „Oh danke, das kann ich doch nicht annehmen. Aber ich tue es.“

Ich begann mir eine Zigarette zu drehen, Sonja schielte nach dem Fenster, ich nickte, Sonja stand auf und öffnete das Fenster.

„Vor drei Tagen bin ich hier angekommen“, setzte Sonja ihren Bericht fort, „aber mein Bruder war nicht daheim. Die Hauswirtin kennt mich, sie hat mich reingelassen, alles sah aus wie immer, nur die Post lag hinter der Tür. Die Post von einer Woche. Natürlich dachte ich, hm, der ist verreist. Bei seiner Firma wusste man nichts davon. Hatte selbst schon versucht, ihn zu erreichen.“

„Und sonst nichts? Ich meine… wenn sich ein Angestellter einfach so in Luft auslöst, ohne Entschuldigung, ohne Info…“

„Kam mir auch komisch vor“, bestätigte Sonja, und weil es uns beiden komisch vor kam, dachten wir eine Weile still darüber nach.

„Gestern war ich dann bei der Polizei. Vermisstenanzeige. Die haben das nicht ernst genommen. Erwachsener Mann und so, aber sie würden mal bei den Krankenhäusern nachfragen. Dabei passt das alles nicht zu meinem Bruder. Er ist ein Pedant. Ein zuverlässiger Mensch. Ein Kontrollfreak.“

„Ein Langweiler“, fasste ich zusammen.

„Ja“, lächelte Sonja, „früher hab ich ihn Nachts angerufen, wenn ich nicht schlafen konnte, und nach zwanzig Minuten konnt ich’s dann ohne Tablette.“

Ich wagte ihr nicht zu sagen, dass sie mir damit eine weitere Karriere eröffnet hatte, falls die als Detektiv scheitern sollte, wovon auszugehen war. Ich bin so langweilig, dass jemand, der zwanzig Minuten mit mir am Telefon übersteht, schon ziemlich tot sein muss.

„Sie sind meine einzige und letzte Chance“, sagte Sonja Weber jetzt. „Werden Sie den Fall übernehmen?“

„Ich übernehme mich ständig“, antwortete ich, „aber Sie müssen mir alles erzählen. Warum sind Sie hier und nicht in Ihrem idyllischen Städtchen?“

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2 Antworten zu 26.11.2010 -5-

  1. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Sehr geehrter Autor, bisher erfüllt Ihr Text durchaus und wenigstens stellenweise unsere Erwartungen (vor allem das Wortspiel „etwas übernehmen“ – „sich übernehmen“ fanden wir köstlichst!). Zwei Kritikpunkte aber: Eines unserer Mitglieder hegt den Verdacht, Sie würden möglicherweise den Roman „Die kleine Schwester“ von einem gewissen Raymond Chandler kopieren. Da niemand von uns den Roman gelesen hat, möchten wir Sie fragen, ob dem so ist. Außerdem vermissen wir in der heutigen Folge die aktuelle Anspielung. Der Hinweis auf die Armut zählt nicht, obwohl wir davon sehr gerührt waren. Sie sind Krimiautor und dennoch ein guter Mensch, das gibt es selten. Aber bitte denken Sie in Zukunft daran, uns durch aktuelle Hinweise zu belegen, dass Sie diesen Roman tatsächlich Tag für Tag fortsetzen und nicht etwa ein älteres Manuskript in seine Bestandteile zerlegt haben.
    Dürften wir Sie zum Abschluss noch einmal darum bitten, uns die Administratorenrechte für dieses Blog einzuräumen? Das MUSS gehen!

    Ihr Edwin-Drood-Projekt-Vorstand

    Anmerkung des Autors: Ich kenne keinen Chandler. Als jüngerer Autor steht mir das zu, wie gestern Frank Göhre in der TAZ bestätigt hat. Aktuelles ist mir tatsächlich nichts eingefallen, die Tatsache jedoch, dass ich sonst immer auf die Gegenwart zurückgreife, sollte Ihnen die Ehrlichkeit meiner Arbeit hinreichend belegen. Also seien Sie nicht päpstlicher als der Papst. Das mit den Adminrechten geht nicht! Liegt an der Software! Und bitte schreiben Sie niemals selbst Kommentare! Das verträgt das Internet ganz ganz schlecht! Immer erst zu mir schicken, ich mach das dann. Der Autor

  2. Anja Helmers schreibt:

    Entweder ich war heute morgen noch völlig verpennt und habe den ersten Absatz übersehen, oder er war vorübergehend ‚entmaterialisiert‘.
    Das passiert mir sonst zwar nur mit Dingen, die ich grad suche, und nicht mit Buchstaben, aber es gibt für alles ein erstes Mal.
    Aufgespritzte Tussen mit Silikonbeuteln bewerfen? Gute Idee, ich mach mit.

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