25.11.2010 -4-

Warum hatte ich ja gesagt? Weil ich die jüngsten wissenschaftlichen Studien im Hinterkopf mit mir herumtrug, nach denen Frauen ebenso häufig Männern gegenüber gewalttätig sind wie umgekehrt? Hatte ich Angst, ein Nein provoziere sie zu verbaler Gewalt, einem saftigen „Und warum dann dieses Schild, du Arschloch?“

Mag sein, aber so war es wohl nicht. Hatte ich mich etwa in sie verliebt und wollte sie mit einer abschlägigen Antwort nicht verlieren? Unfug. Erhoffte ich mir wenigstens ein sexuelles Abenteuer? Okay, nie ganz auszuschließen. Männer sind Frauen gegenüber sowieso sexuell benachteiligt, wegen dem Schwellkörper da unten, das ist eben nicht nur blanke Anatomie wie bei den Frauen, da muss man das Blut irgendwie dazu bringen – na, Sie wissen schon. Aber auch das traf nicht zu. Die Wahrheit war sehr viel profaner. Neugierde. Ich wollte einfach wissen, was Sonja Weber zu mir geführt hatte, an mir waren zu viele Krimis vorbeigerauscht, als dass ich hätte ignorieren können, dass eine Geschichte wie diese unweigerlich aus ist, wenn man einfach „nein“ sagt. Einen solchen Krimi hatte ich noch nie gelesen, wie auch, denn wenn ein Detektiv „nein“ gesagt hätte, wäre es auf der Stelle kein Krimi mehr gewesen, sondern – vielleicht Literatur.

Während nun der Kaffee gekocht wurde und ich zwei Tassen, zwei Teller, zwei Messer, Butter und Marmelade auf den Tisch stellte, die Brötchentüte aufriss und in die Mitte legte, erzählte Sonja Weber. Sie tat es stockend, ihre Haare fielen ihr dabei pausenlos ins Gesicht, weil sie dieses wie der gesamte Körper bewegte. Sie war aufgewühlt, jedenfalls ein wenig.

„Mein Bruder ist verschwunden“, begann sie. „Er heißt Georg Weber, ist 41 – also 7 Jahre älter als ich – “ (aha, dachte ich, sie ist 34, muss man sich merken) – „und wohnt in der Lessingstraße, gleich hier um die Ecke. Vielleicht kennen Sie ihn vom Sehen.“

Sie beschrieb ihn mir, einen normalgewichtigen 41jährigen kaufmännischen Angestellten ohne besondere Kennzeichen, und ich kannte ihn natürlich nicht vom Sehen. Er sei unverheiratet, fuhr Sonja Weber fort, aber nicht schwul oder so, einfach nur unverheiratet, ein Single wie viele. Ich stand auf, nahm den Kaffee von der Wärmeplatte, schenkte uns ein, wir frühstückten, Sonja schwieg, bis sie ihr Brötchen hergerichtet und aufgegessen hatte. Mit dem letzten Krümel der Mahlzeit, dem letzten Schluck Kaffee nahm sie ihren Bericht wieder auf.

„Ich kann nicht behaupten, mein Bruder und ich hätten jemals einen engen Kontakt gehabt. Wir sind einfach zu verschieden, wissen Sie?“

Ich wusste selbstverständlich nicht und nickte.

„Eigentlich lebe ich ja in“ – Sie nannte den Namen einer Kleinstadt, der mir nichts sagte – „aber gewisse Umstände haben mich gezwungen, hierher zu ziehen. Es ist nun einmal so, dass…“

Sie stockte. Schenkte sich Kaffee nach, sehnte sich wie ich nach einem zweiten Brötchen, dessen Verzehr sie wie eine gute Henkersmahlzeit bis zum nächsten Bekenntnis hinauszögern hätte können, aber die Brötchen waren alle. Sie sah mir in die Augen, schnaufte einmal tief und fragte dann:

„Wie viel verlangen Sie eigentlich? Ich meine – Honorar.“

Eine berechtigte Frage, fiel mir ein. Wie viel verlangte man? Schon die Frage allein ließ mich darauf schließen, bei Sonja Weber habe Geld nicht die Lizenz zur unbegrenzten Vermehrung. Ihre Kleidung war Kaufhauskonfektion, sie trug keinen Schmuck, kein Chanel-Odeur wehte zu mir hinüber und erotisierte mich, kurz:

„300“, sagte ich und hoffte, Sie würde nicht fragen, ob denn pro Stunde, pro Tag, pro Monat oder pauschal.

Sonja Weber fiel buchstäblich in sich zusammen, als hätte sie es schwer im Kreuz und an den Bandscheiben.

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4 Antworten zu 25.11.2010 -4-

  1. Anja Helmers schreibt:

    OMG, Georg Weber, mit 41 immer noch Single, aber nicht schwul. Der arme Kerl, der hat sicherlich schon während seiner Grundschulzeit unter der physischen Gewalt der Mädels gelitten. Dann auch noch einem Schulsystem ausgeliefert, das Jungen permanent benachteiligt, das konnte ja gar nicht anders gehen. Und nu isser wech
    Wahrscheinlich in irgendwelchen Ritzen versunken (honi soit qui …)

    dpr, hast du heut schon viel geraucht? Denk an deine Gesundheit, ich will doch wissen, wo der Kerl abgeblieben ist.
    Auch wenn 300 für die Sonja schon hart ist

  2. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Aber das ist doch der Clou, Anja! Du wirst nie erfahren, was aus Georg Weber geworden ist! Bei Dickens weiß man auch nicht, was er mit Edwin Drood angestellt hätte. Bist du jetzt sauer? Beschimpfst du mich gerade? Denk an die Statistik und tu es nicht! Ich bin auch nur einer von der benachteiligten Jungs.

    • Anja Helmers schreibt:

      Das nenn ich kleinlich! Du könntest schon verraten, WO er abgeblieben ist. Ich verlange ja nicht, dass die Umstände usw. aufgeklärt werden. Und was mit ihm angestellt wurde, aber… na gut, ich les trotzdem weiter. Und beschimpfen werd ich dich erst, wenn die morgendlichen Online-Meldungen aus dem Netz unterhaltsamer werden als dein Text. 😉

  3. Ingrida schreibt:

    Wenn ich als Dedektiv einer Paris Hilton gleichen Schönheit begegnen würde, würde ich sofort eine Namensänderung vornehmen: Max Lang oder besser noch, ich hätte einen Berater, der für 300 Sa(e)iten meine Ermittlungen unterstützt. Wen interessiert schon das Schicksal eines belanglosen Verwandten?

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