24.11.2010 -3-

Von hinten betrachtet, gehörte sie durchaus zu den Frauen, die zu beschreiben einem der liebe Gott Hände gegeben hatte. Aber das interessierte mich nicht. Sie stand zwischen mir und meiner Wohnungstür, in der Luft lag  noch das letzte Röcheln des Klingeltons. Ich blieb einen Moment hinter hier stehen, etwas schien sie sehr zu beschäftigen, denn sie hatte mich nicht bemerkt. Ich räusperte mich und sie drehte sich um.

„Guten Tag“, sagten wir gleichzeitig und lächelten gleichzeitig. „Wohnen Sie hier?“ hätte sie jetzt fragen müssen, aber sie fragte gar nichts, sondern sagte lapidar: „Ich heiße Sonja Weber.“ „Schön“, sagte ich und meinte es ehrlich, denn Sonja ist ein schöner Name.

Ich betrachtete Sonja Webers Gesicht wie ein x-beliebiges Bild beim hastigen Durchblättern einer Zeitschrift, schätzte sie auf solide 29 Jahre, konnte mich nicht entscheiden, ob ihr Gesicht ebenmäßig war oder nicht, ihr langes und glattes braunes Haar der Gesichtsform angemessen, die Augen braun oder blau oder grün, tief wie Gebirgsseen oder groß wie Spiegeleier, ihr Hals zu lang, zu kurz, zu faltig, verdächtig glatt. Ihre Brüste lagen unter novemberadäquatem Stoff – ein Zustand, für das Vladimir Nabokov notorisch „opak“ zu schreiben pflegte – und machten nicht den Eindruck, sie seien schwer zu bändigen, ihre Figur war auf eine Art Durchschnitt, dass man nicht sofort erigierte, mein Blick war also der eines Mannes, der eine Frau nur anschaute, weil sie ihm irgendwie im Weg stand, und sie merkte es und trat zur Seite. Ich zog den Schlüssel aus der Tasche und schloss die Tür auf, trat ein, sie folgte mir, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Sie war leichtsinnig; das merkte ich mir. Warum auch immer.

Meine Wohnung ist sehr übersichtlich. Sie besteht aus einem Wohnzimmer, das mangels Mobiliar leer ist, einem Schlafzimmer, das deshalb Schlafzimmer heißt, weil eine Luftmatratze und ein Schlafsack auf dem Boden liegen. Das Bad ist das Bad und Sonja Weber würde es nur zu sehen bekommen, wenn sie den Weg in die Gaststätte nebenan partout nicht mehr schaffen würde. Bliebe die Küche, für die ich nichts kann, denn sie war schon so eingerichtet, als ich eingezogen bin.

Wir setzten uns am Küchentisch gegenüber, sahen uns eine Weile an und schwiegen. Sie war am Zug und wusste das. Sie überlegte. Ich überlegte ebenfalls, falls sie fragen würde, ob wir nicht in mein Büro gehen sollten. Nein, würde ich antworten, das wird gerade renoviert. Alles Unsinn. Sie würde mich fragen, ob ich der Detektiv sei und ich würde „nein“ antworten, „es gibt überhaupt keinen Detektiv, das war ein Scherz meiner na ja Zechkumpane.“ Und genau das fragte sie.

„Sind Sie der Detektiv?“

„Ja.“

Diese Antwort erstaunte mich maßlos, Sonja Weber indes nickte nur und tat einen tiefen Seufzer. „Ich habe Ihr Firmenschild zufällig bemerkt“, sagte sie weiter. Ich blicke unter mich auf die Tüte mit den beiden Brötchen, dachte ans Kaffeekochen, „ich bin erst weitergegangen und dann wieder zurückgekommen und dann noch einmal und –“, „ja“, nickte ich und meinte das Kaffeekochen, und sie wiederholte „ja“ und meinte ihre Unentschlossenheit.

„Möchten Sie Kaffee?“ fragte ich und sie antwortete: „Aber jetzt bin ich hier.“

Ich stand auf und ging zur Kaffeemaschine.

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4 Antworten zu 24.11.2010 -3-

  1. M.A.D. schreibt:

    Na prima, ich mag die Hauptfigur jetzt schon 😀

  2. Anja Helmers schreibt:

    „mein Blick war also der eines Mannes, der eine Frau nur anschaute, weil sie ihm irgendwie im Weg stand“

    Eindeutig mein Lieblingssatz aus dem heutigen Abschnitt. Sehr schön ausgedrückt.

  3. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Ich hoffe, das ist in 25 Jahren auch noch so, wenn unser Held ehrlich gealtert immer noch an dem Fall knabbert.
    Ja, Anja, ich muss euch desillusionieren. Das ist der Hauptgrund für Männer, eine Frau anzuschauen:D

  4. Anja Helmers schreibt:

    Oh, dpr, nix mit desillusionieren, das war mir schon seit langem klar. Aber endlich mal ein Mann, der es zugibt, dass er Frauen meistens nur aus solch banalen Gründen anschaut.
    Kommentar eines Couch-Freundes, dem ich deinen Satz zitiert habe: Der könnte fast von mir sein

    Und nun werd ich mal schön brav den heutigen Text lesen.

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