23.11.2010 -2-

Als ich, die zerknüllte Folie noch in der Rechten, die Treppen zu meiner Wohnung erstieg, tappte ich gleichzeitig durch einen  Nebel kondensierter Ausdünstungen, dessen Schwaden sich langsam hinweghoben. Vier Säufer auf dem Heimweg. Ich sah uns nach durchzechter Nacht durch die Straßen wanken, Satzfragmente wie „Na, du hasts gut, du hast ja keine geregelte Arbeit“ klangen mir in den Ohren. Wie immer machte man sich lustig über meine prekäre Existenz, wie das jetzt wohl heißt, „hast du überhaupt was gelernt?“, fragte der Metzger und gab sich selbst die Antwort: „Nee, also siehst du.“

Etwas wurde getuschelt, von Natur aus dreckiges Lachen ertönte wie aus Jauchegruben, jemand zog mich am Arm. Ich stolperte über eine Schwelle, es roch nach irgend was, das ich noch nie gerochen hatte, das kalte Licht von Leuchtröhren flackerte auf – ich stand im Verkaufsraum von Lüdemanns „Beschriftungen aller Art“, jener elenden Existenzgründerklitsche, in der zudem Schlüssel nachgemacht wurden und Schuhe besohlt, wahrscheinlich auch Lottoscheine angenommen und fünfzehnjährige Schulmädchen verhökert. Lüdemann hatte einst ebenfalls zum Prekariat gezählt, ein Jünger des Mindestlohns, zugleich mit einer Sehnsucht nach Kapitalismus zur Welt gekommen, der er hier frönte wie all die anderen, der Fliesenleger, der Metzger, der Bäcker, Menschen, die Frankreichs Entscheidung, die Vermögenssteuer nach deutschem Vorbild abzuschaffen, einen „Befreiungsschlag für das freie Unternehmertum“ priesen und denen entgangen war, dass sie selbst niemals Vermögenssteuer bezahlt hatten oder jemals bezahlen würden. Und jetzt – ich hatte zu keuchen begonnen, denn ich wohnte im 5. Stock, kein Fahrstuhl –  erkannte ich Lüdemanns grinsende Fresse durch das Nebulöse der Erinnerung, hörte ihn „wenigstens ein Schild bräuchtest du, sonst bist du ja gar nichts“, und dann musste ein Text überlegt, eine Folie bedruckt worden sein.

Sieben mühsame Stufen lang schmeichelte mir der Gedanke, besondere intellektuelle Eigenschaften hätten mich in den Augen meiner Zechkumpane zum „Detektiv“ prädestiniert, ein messerscharfer Verstand etwa, eine außergewöhnliche Kombinationsgabe, gehobene Schauspielerei oder wenigstens die besonders coole Art, wie ich Zigaretten mit einer Hand drehen konnte. Bis mir schließlich dämmerte – der alkohole Vorhang meiner Gegenwart hatte sich auch langsam zu heben begonnen  -, dass es reine Phantasielosigkeit gewesen war. Ihnen war einfach nichts besseres eingefallen, nichts Seriöseres zumal. Ein Detektiv soff (passte), war notorisch erfolglos (passte), stand irgendwo am Rand zwischen Legalität und Illegalität (passte – aber woher wussten sie das?) und trieb sich gerne mit zweifelhaften Frauen herum (Hermine – passte). Sie hatten Bücher gelesen, Filme gesehen, sie erkannten Verlierer mit geübtem Blick.

Wessen eigene Hand die Folie an die Fassade geklebt, wer als  Textdichter verantwortlich gezeichnet hatte, all das würde für alle Zeiten im Dunkeln bleiben. Ich hielt die Überreste des Streiches in der Rechten, zu einer Kugel deformiert, ich beugte mich über das Geländer und sah hinunter, hielt die Hand über den Abgrund und öffnete sie. Die Kugel fiel nach unten, prallte auf den Steinboden, hüpfte ins Unsichtbare und war verschwunden. So schnell wurde man Detektiv, so schnell entsagte man dem Beruf, so schnell wurde aus dem Geschäftsmann wieder die arme Sau. Dann sah ich sie.

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