22.11.2010 -1-

Mein Finger lag auf dem Kippschalter der Nachttischlampe, und weil es draußen dunkel war, dachte ich an Gott. Natürlich hatte die Sache einen Haken und draußen war es längst hell. Die Welt rumorte vor meinem Rollladen, ich hörte sie hupen und husten, es musste schon nach Zehn sein, denn die Abgase der Autos kamen durch die Ritzen gekrochen, ich rümpfte die Nase und nahm den Finger vom Kippschalter.

Es war Samstag, und daran konnte auch der liebe Gott nichts ändern. Es war der Tag nach Freitag, und an Freitagabenden begab ich mich in die Kneipe „Herkules“, um mein Bier mit den Honoratioren des Viertels zu trinken, dem Metzger, dem Bäcker, dem Fliesenleger, dem Inhaber einer „Beschriftungen aller Art“ verheißenden Existenzgründerklitsche, und warum die Kneipe „Herkules“ heißt, ist schnell erklärt. Der sie betreibt, heißt Herkel. Man hätte die Kneipe also entweder „Ferkel“ oder „Herkules“ nennen können, beides hat irgendwie mit griechischer Mythologie zu tun. Oder „Heike“, was wenigstens griechisch klingt, finde ich. Doch wer sagt schon „Heike“ zu seiner Kneipe? Na, ich hätte es vielleicht getan, denn eine Heike liebte ich einst. Schwamm drüber. Schwamm über alles.

Übers Gesicht. Später unter der Dusche, noch immer hielt meine Wohnung die Illusion von „Nacht“ oder „früher Morgen“ aufrecht, dabei war es früher Morgen gewesen, als ich heimgekehrt war, nach gewissen nicht mehr zu ermittelnden Ereignissen, die mir nicht einfallen würden, ich konnte denken was ich wollte, ich wollte aber überhaupt nicht denken. Ich erinnerte mich an des Bäckers herausgeprustete Mutmaßung, da neben der Laterne stehe ein herrenloser Koffer, das sei sofort dem Innenminister zu melden, der schicke dann die Bundespolizei. Es war kein herrenloser Koffer, es war nur ein Betrunkener. Das merkte man, wenn man dagegen trat, denn Koffer fluchen nicht, sie explodieren höchstens. Es klang wie „Leck mich am Arsch“ und war, wenn der wirklich „Leck mich am Arsch“ gesagt hatte, das rhetorische Highlight einer stundenlangen Konversation, deren kulinarischer Höhepunkt wie immer die frische und noch dampfende Fleischwurst des Metzgers gewesen war, von diesem aus der nahen Wurstküche geholt, wo der faule Geselle sie kochte – es musste halb vier gewesen sein – und ohne Brot verzehrt, denn der Bäcker war schon gegen Zwei gegangen, sein Handwerk wollte es so und niemand hatte Lust, die drei Straßen zur Bäckerei zu gehen, um warme Wecken für die Wurst zu erbitten. Lothar, der Wirt, kokettierte mit altbackenem Brot, wir lehnten dankend ab.

Über was wir sprachen? Über alles. Wir sprachen über „die Lage“, selbstverständlich sprachen wir über sie und hatten uns, auch normal, wieder gestritten. „Die Lage“ sei wie immer (darin waren wir uns einig), also zufriedenstellend oder katastrophal oder undurchschaubar oder „doch wohl klar“. Darin unterschieden sich die Meinungen, aber das war, noch einmal, normal gewesen. Gegen Zwölf hatten wir, auch wie immer, sowieso alles wie immer, unsere Weltvernichtungsphantasien, aushungern müsse man das Pack, nein, endlich mal die Atombomben einer nützlichen Verwendung zuführen, schade ums Viehzeug, schade um den schönen Planeten. Wir sind Humanisten und plädierten für schmerzfreie Selbstausrottung, einfach mal überall den Strom abschalten, dann erfrieren sie, geht schnell und macht keine Unordnung, eh keiner mehr da, der den Dreck wegkehrt . Gegen Eins hatten wir auch diesen Punkt abgehakt und besprachen die käuflichen Frauen unseres Viertels, ein paar Thais und ein paar aus dem Osten, aber nein, wir blieben sitzen und sparten unser Geld, Kopfkino hatte einfach ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis.

Es war Viertel vor Zwölf, keine 4 Stunden Schlaf lagen hinter mir, aber ich schlafe nie lange, wenn ich betrunken bin. Ich begab mich ins Licht. Es war trübster November, es stank, es bewegte sich, es ging mir aus dem Weg, es schlug mir Wind um die Ohren, mein linker Schnürsenkel fegte über den Asphalt, der Schuh kletterte am Fersenbein hoch und wieder runter, ich würde mir eine Blase laufen. Ich holte mir zwei Brötchen. Drehte um und lief zurück. Ich stand vor der Haus, in dem ich wohne, es war wie immer, es war ganz anders, ich wusste nicht was, denn eine hübsche junge Frau ging an mir vorbei ins Treppenhaus, ich sah ihr nach, blieb stehen, dachte: Hier stimmt was nicht. Ich hatte recht. Neben der Tür hing ein goldenes Schild, noch nie hatte hier ein Schild gehangen, schon gar keins, auf dem in schwarzer Prägeschrift stand:

„Moritz Klein, Detektiv. Untersuchungen aller Art“

Ich heiße Moritz Klein. Ich wohne hier. Ich bin kein Detektiv, ich untersuche nie etwas, weder meinen Urin noch die Weltgeschichte. Und das Schild war gar kein Schild, es war goldfarbene Abziehfolie. Die Erinnerung kam zurück. Ich fluchte „Leck mich am Arsch“ und riss die Folie mit einem Ruck von der Wand. Sie leistete keinen Widerstand. Drecksqualität.

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4 Antworten zu 22.11.2010 -1-

  1. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Lieber Autor! Zunächst einmal: nicht gar so schlecht, wie Sie Ihre Geschichte beginnen. Auch der Aktualitätspflicht ist mit dem Hinweis auf die aktuelle Terrorgefahr schön genüge getan. Dennoch hätten wir es lieber gesehen, Sie hätten auf die erstmalige Zustimmung des Papstes zur Kondombenutzung hingewiesen, zumal Sie – was wohl leider nicht zu verhindern sein wird – bereits in diesem ersten Teil auf käufliche Liebe etc. rekurrieren. Immerhin erlaubt der Papst die Kondombenutzung bei MÄNNLICHEN Prostituierten, in „begründeten Fällen“, also wenn z.B. das Sperma den Penis zu verlassen droht, wie wir annehmen. Aber dies ist nur ein kleiner Kritikpunkt am Rande. Sicherlich wird sich das noch einspielen.
    Noch etwas: Könnten Sie uns endlich eigene Administratorenrechte einräumen? Sonst müssen wir ständig unsere Anmerkungen zunächst an SIE schicken und die Kommentare erscheinen immer unter Ihrem Namen, was etwas unschön sein dürfte.
    (Anmerkung des Autors: So soll es sein. Wenn ich hier schon die Verantwortung trage, dann aber richtig.) Und stimmt es tatsächlich, dass wir nicht ganz normal kommentieren können, weil sonst, wie Sie sagen, „das Internet kaputt geht“? Wir sind schon etwas älter und kennen uns mit den neuen Medien nicht so genau aus.

    die Edwin-Drood-Projekt-Vorstandschaft

  2. M.A.D. schreibt:

    Super Projekt!
    Das finde ich ja mal eine herrausragende Idee, ich wünsche dem Autor ein sehr langes Leben, regen Schreibfluss und Durchhaltevermögen.

    Da bin ich aber auf morgen gespannt, was es denn nun mit diesem Schild auf sich hat. Nur Spinnerei der Betrunkenen oder doch ernsterer Hintergrund?

    *Daumenhoch!* mfg

  3. Dieter Paul Rudolph schreibt:

    Da bin ich auch gespannt. Mache mich mal so langsam an die nächste Seite.

  4. Eva Bergschneider schreibt:

    Lieber Autor, liebe Mitlesende,

    ich denke mal, früher oder später entpuppt sich der TODernste Hintergrund, oder?
    Was dem „The Wire“ sein „fucking“ scheint dem Edwin Drood Projekt sein „Leck mich am Arsch“ zu sein – mir solls recht sein. Sauberer Sprachgebrauch wird eh dramatisch überbewertet.
    Weiter so!

    Eva

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